Jimdo und Restube gewinnen Deutschen Gründerpreis

Gestern wurden in Berlin die Gewinner des Deutschen Gründerpreises auf einer großen Gala geehrt. Zu den Preisträgern gehören der Hamburger Webbaukasten Jimdo und Restube aus Pfinztal Berghausen mit ihrer Rettungsboje. Wir gratulieren und stellen weitere Sieger und Finalisten vor.

Den Deutschen Gründerpreis für sein Lebenswerk erhielt Prof. Dr. Jörg Sennheiser, der sein Unternehmen für Kopfhörer und Mikrophone zur weltweit anerkannten Premiummarke gemacht hat. Einen Sonderpreis erhielt Auticon, eine IT-Firma, die überwiegend Autisten beschäftigt und dafür unter anderem auch schon den New Work Award bekommen hat (ein ausführliches Porträt hier). Im Schülerwettbewerb schließlich konnte sich das Team von OPPIA durchsetzen, das eine App für das Lernen von naturwissenschaftlichen Formeln entwickelt hat.

Ausführlicher beschäftigen wollen wir uns mit der Kategorie „Startup“, für das sich Unternehmen, die zwischen dem 1. Januar 2012 und dem 31. Dezember 2013 gegründet wurden und einen Mindestumsatz von 150.000 bis 200.000 Euro pro Jahr, qualifizieren konnten. Und mit den Kandidaten der Kategorie „Entwicklung“, die Unternehmen beinhaltet, die zwischen 2006 und 2011 gegründet worden sind und anhand diverser Kriterien ein erfolgreiches und skalierbares Geschäftsmodell nachweisen können. Los geht’s!

Deutscher Gründerpreis: Finalisten Startups

Gewinner: Restube GmbH

Wer es dabei hat, kann den Tag im Wasser mit Sicherheit richtig genießen: Ein kleines Päckchen an der Badehose, kaum größer als ein Smartphone, das weder beim Schwimmen noch beim Surfen oder anderen Aktivitäten stört. Im Notfall bläst sich das Päckchen durch einen Zug am Auslöser zu einer Boje auf, an der man sich festhalten kann, bis Hilfe da ist. Wie schnell selbst versierte Wassersportler in lebensgefährliche Notsituationen geraten können, hat Restube-Gründer Christopher Fuhrhop am eigenen Leib erfahren. Damals war dem begeisterten Kitesurfer der Schirm zerrissen und er erreichte das rettende Ufer gerade noch mit letzter Kraft. „Solche heiklen Situationen kommen viel öfter vor, als man glaubt“, sagt der 32-Jährige. Jedes Jahr ertrinken tausende Menschen bei Badeunfällen, viele davon bei dem Versuch, anderen zu helfen.

Restube

Der Maschinenbaustudent erkannte die Bedeutung des Problems und entwickelte ganz systematisch eine Lösungsidee. „Mir war immer klar, dass ich in meinem Leben etwas schaffen will, das bleibt.“ Gemeinsam mit seinem Freund und Kommilitonen Marius Kunkis (30) führte er eine Marktstudie zum Thema durch, bastelte aus Luftmatratzen, Schwimmflügeln und einer handelsüblichen CO2-Patrone einen ersten Prototypen und schrieb nebenher noch seine Diplomarbeit über das Projekt. Finanziert durch ein Gründungstipendium entwickelte das Duo die Rettungsboje weiter, tüftelte an technischen Details, suchte Geschäftspartner und begann, die Idee in der Wassersportszene bekannt zu machen. Zwei Jahre nach dem Start ist das Unternehmen mit rund 500 Vertriebspartnern in 20 Ländern aktiv. Der Umsatz hat sich seit der Gründung vervierfacht und soll in diesem Jahr die Millionengrenze durchbrechen (2014: 400.000 Euro).

Customized Drinks GmbH

Ein 5-Liter-Metallfässchen, Hopfen und Malz, Aromen nach Geschmack und ein paar Liter heißes Wasser – damit kann jeder sein ganz persönliches Bier brauen. Die Zutaten liefern die drei Jungs von Braufässchen fix und fertig vorbereitet und mit Erfolgsgarantie. Ausgefallene Kreationen mit Chili-, Eichenholz- oder Kirscharoma sind genauso möglich wie ein klassisches Helles.  Die Idee kam den Studenten „einfach so“, die klassische Bierauswahl war ihnen „zu langweilig“. Erste Brauversuche starteten Maschinenbauer Dominik Guber (27), Mathematiker Ping Lu (27) und Biologe Wolfgang Westermeier (29) in ihren WGs. Das Resultat: Eine „unglaublich schmutzige Küche“, aber auch „Begeisterung“ von Freunden beim Verkosten.

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2012 gegründet, verhalf dem Startup nach längerer Durststrecke ein Fernsehbericht zu einem ersten größeren Erfolgserlebnis. „Zwei Wochen später war unsere gesamte geplante Jahresproduktion verkauft.“ Das selbst fabrizierte Braufässchen-Bier wurde zum Gesprächsthema auf Partys, die Nachfrage stieg mit jedem verschickten Paket. Den nächsten Schub brachte das Weihnachtsgeschäft, denn das rund 30 Euro teure Set ist auch ein originelles Geschenk. Rund drei Jahre nach dem Start hat das Trio bereits mehr als 70.000 Braufässchen verkauft, der Umsatz lag 2014 bei 1,3 Millionen Euro.

OnPage.org GmbH

Unternehmen, die im Internet nicht untergehen wollen, müssen  dafür sorgen, dass der eigene Internetauftritt von den Suchmaschinen Top-Platzierungen erhält. In der Theorie ist das einfach, das Problem ist die Umsetzung. „Wir zeigen den Kunden, an welchen Stellen ihre Website noch Optimierungspotenzial hat“, erklärt OnPage.org-Geschäftsführer Marcus Tandler. Das geht über die klassische Suchmaschinenoptimierung weit hinaus. Die Software wertet mehr als 160 Signale aus und erkennt dabei jeden kleinen Fehler im Webauftritt, tote Links beispielsweise oder doppelte Inhalte. Das Ergebnis wird so präsentiert, dass es auch Laien verstehen. Die Idee entstand, weil den Gründern die bisherigen Analysetools zu kompliziert und zu umständlich waren.

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Captain OnPage, die Werbefigur des Internetunternehmens

Andreas Bruckschlögl (25), Niels Dörje (43), Jan Hendrik Merlin Jacob (32) und Marcus Tandler (37) brauchten 2012 nur 1.600 Euro, um eine Lösung zu entwickeln, die ihren hohen Ansprüchen genügte. Alle vier haben ihr gesamtes Berufsleben in und mit dem Internet verbracht und blühen dann auf, wenn es wirklich kompliziert wird. „Wir sind Nerds“, sagt Tandler. „Uns reizt in erster Linie die technische Herausforderung.“ Anfangs wurde das Konzept in der Branche belächelt. Heute haben sie einen deutlichen Technologievorsprung, auch wenn inzwischen Nachahmer auf den Markt drängen. „Wir haben die weitere Entwicklung sehr früh antizipiert und rechtzeitig aufs richtige Pferd gesetzt.“ OnPage.org arbeitete von Anfang an profitabel und erwirtschaftete 2014 1,8 Millionen Euro Umsatz.

Deutscher Gründerpreis: Finalisten Entwicklung

Gewinner: Jimdo GmbH

Schon als Schüler programmierten Fridtjof Detzner (32) und Christian Springub (33) Websites und betrieben eine kleine Internetagentur. „Unsere Eltern mussten das Gewerbe anmelden weil wir noch minderjährig waren.“ Die komplizierte Eingabe von ewig langem Programmcode nervte die Jugendlichen. „Wir wollten beim Editieren sofort sehen, wie es hinterher aussieht.“ Was heute selbstverständlich ist, war damals revolutionär. Nach dem Abi zogen die Freunde für eineinhalb Jahre auf den Bauernhof von Fridtjof Detzners Eltern, um die Urversion des Homepagebaukastens zu entwickeln. „Wir haben die Nächte durchgearbeitet, mit meiner Mutter gefrühstückt und sind anschließend ins Bett gegangen.“ Geplant war das neuartige Tool nur als Zusatzangebot für die Kunden der Agentur, in die inzwischen auch Matthias Henze (37) eingestiegen war. „Dann haben wir gemerkt, dass die Software unser eigentliches Produkt ist.“ Das Team gab die erfolgreiche Agentur auf und gründete 2007 Jimdo. Der ständig weiterentwickelte Baukasten wird heute in neun Sprachen angeboten, es gibt Standorte in Hamburg, Tokio und San Francisco.

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Christian Springub, Fridtjof Detzner und Matthias Henze von Jimdo

Offenheit für neue Ideen, eine einzigartige, lebendige Unternehmenskultur und extrem motivierte Mitarbeiter sind das Erfolgsgeheimnis von Jimdo und begeisterten auch die Auswahljury des Deutschen Gründerpreises. „Man kann nur dann Erfolg haben, wenn man liebt, was man macht“, findet Fridtjof Detzner. Die drei Gründer tun alles, um für ihre Leute eine kreative Wohlfühlatmosphäre zu schaffen. Statt Kantine gibt’s Leckeres vom Sternekoch, der Nachwuchs wird im hauseigenen Kindergarten betreut und eine Feelgoodmanagerin versucht, für möglichst jedes Problem eine Lösung zu finden. Feste Arbeitszeiten, starre Hierarchien, bürokratische Abläufe − so etwas kennen die rund 200 Jimdo-Mitarbeiter aus über 20 Nationen nur vom Hörensagen.

Little Bird

Nach der Geburt von Sohn Justus ging es Betriebswirtin Anke Odrig, Projektmanagerin bei einem Softwarekonzern, wie vielen anderen Eltern. Auf der Suche nach einem Betreuungsplatz musste sie sich bei zig Kindergärten persönlich vorstellen, stand auf verschiedenen Wartelisten, wusste nicht, ob, wann und wo sie einen Platz bekommen würde. Ihr Lösungsansatz: Ein Onlineportal, über das Eltern Betreuungseinrichtungen finden und ihr Kind verbindlich anmelden können. Und das zugleich die Bedarfsplanung von Kitas und Kommunen erleichtert, weil die dahinter stehende Software Angebot und Nachfrage erfasst und die üblichen Mehrfach-Platzvergaben vermeidet. Die Idee kam überall gut an, doch Unterstützung gab es keine. Die Kommunen zögerten, Banken trauten einer allein erziehenden Mutter ein solches Mammutprojekt nicht zu, Politiker hatten kein Interesse, die gute Sache zu unterstützen.

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Vogelhäuser mit dem Little Bird-Logo

„Ich hätte nie gedacht, dass es so schwierig wird.“ Anke Odrig hat trotzdem weitergemacht. „Am Ende hat sich immer wieder alles gefügt.“ Ihr Arbeitgeber strukturierte um, Odrig kündigte, um mit der Abfindung ihr Projekt voranzutreiben. Durch einen Zufall fand sie ihren Geschäftspartner Steve Nitzschner. Durch einen weiteren Zufall erfuhr sie von dem Förderprogramm, das am Ende das Startkapital von gut einer Million Euro finanzierte. Little Bird finanziert sich über die deutschlandweit rund 60 Kommunen, die für die Nutzung von Portal und Software zahlen und sich so teure Eigenentwicklungen sparen.  Kürzlich hat der Umsatz die  Millionengrenze geknackt, das Unternehmen schreibt schwarze Zahlen und konnte eine weitere Million Wachstumskapital einwerben.

Nanoscribe GmbH

Die Technologie von Nanoscribe  erlaubt die Fertigung optischer und mechanischer Bauteile, deren Herstellung bislang technisch unmöglich war. Mit einer Auflösung von weit weniger als einem Mikrometer und Strukturgrößen von unter 150 Nanometern sind die Geräte um Klassen besser als alles, was vorher auf dem Markt war. Das Zusatz-Bonbon der rund 400.000 Euro teuren High-Tech-Drucker: Sie sind auch für die so genannte maskenlose Lithographie geeignet, ersparen den Kunden also den Kauf eines zweiten Geräts. Die Präzisionsgeräte des Technologieführers stehen in rund 100 namhaften Forschungseinrichtungen der Welt, die Kundenliste enthält so klangvolle Namen wie die Fraunhofer- und die Max-Planck-Institute und Top-Unis wie Harvard, Caltech oder die ETH Zürich.

Nanoscribe_Brandenburger_Tor

Miniaturmodell des Brandenburger Tors von Nanoscribe

Nanoscribe ist die erste Ausgründung des Karlsruher Instituts für Technologie und entstand auf Initiative von Professor Martin Wegener, Arbeitsgruppenleiter am dortigen Institut für Nanotechnologie. Dort forschten die Physiker Martin Hermatschweiler (37), Michael Thiel (32) und Dr. Georg von Freymann (43) an so genannten Photonischen Kristallen. „Wir wollten, dass unsere Technologie in der Praxis genutzt wird.“ Finanziert durch ein Förderprogramm, entwickelte das Team aus den Ergebnissen seiner Grundlagenforschung ein marktfähiges Produkt. Die Gründer präsentierten auf Messen, Ausstellungen und Kongressen, veröffentlichten in Fachpublikationen. „Den Einstieg haben wir über den Wissenschaftsmarkt geschafft.“ Dank sorgfältiger Vorbereitung, kontinuierlicher Weiterentwicklung und internationaler Vernetzung lief alles noch besser als im Businessplan kalkuliert. „Wissenschaftler sind sehr aufgeschlossen für Innovationen, wir trafen fast überall auf offene Türen.“ Existenzielle Probleme gab es nicht, die notwendigen Finanzmittel, aber auch intensive Unterstützung und Beratung, kamen von einer wissenschaftsnahen Beteiligungsgesellschaft.

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