Warum eine App eine schlechte Idee für Gründer sein kann

Viele Gründungswillige sehen in der Produktion einer App den schnellsten Weg zum Erfolg. Philipp Jumpertz, Mitgründer der Fitness- und und Gesundheitsplattform Smart Body Transformation, sieht das anders. In einem Gastbeitrag erklärt er uns, warum.

„Ich habe schon wirklich oft gehört, dass Gründungsinteressierte eine super Idee für eine App haben. Aber seit mir letztens jemand (lieb gemeint) vorgeschlagen hat, die Smart Body Transformation doch als App rauszubringen, kann ich nicht tatenlos zuschauen, sondern muss mal etwas Klarheit schaffen. Der ganze App-Entwicklungs-Gründungswahn wird ja vor allem durch große, erfolgreiche Startups weiter angefeuert, weswegen ich mich zur Widerlegung erstmal des Beispiels eines großen, erfolgreichen Startups bediene: Google.

Gibt es in 10 Jahren überhaupt noch Apps? Fraglich.

Mit Googles Chromebook gibt es jetzt schon ein Endgerät, das praktisch keinen lokalen Speicher und keine lokalen Programme oder Apps besitzt. Alle Applikationen laufen in der Cloud, also auf den Servern von Google. Das funktioniert dann dementsprechend nur mit Internetverbindung. Durch den Umkehrschluss wird es etwas deutlicher: ohne funktionierende Internetverbindung ist das Gerät nutzlos. Damit setzt Google jetzt schon darauf, dass es in naher Zukunft keinen Ort mehr gibt, an dem es kein Internet gibt. Und wenn Google das so sieht, dann wird das wohl entweder so kommen, oder sie kümmern sich schnell mal selber darum, dass das so sein wird – siehe Project Loon, bei dem gasgefüllte Ballons in der Stratosphäre zum Einsatz kommen, an denen solarbetriebene Relaisstationen angebracht sind.

Die Verfügbarkeit des Internet wird stark steigen, während die Verbindungskosten tendenziell sinken werden. Diese Entwicklung haben wir bereits bei Mobilfunk und SMS beobachten können. Aber auch die Menge an verfügbarem Onlinespeicher wird ziemlich sicher weiter stark steigen, während der Preis stark sinken wird. Wir erinnern uns: während Web.de noch fleißig Mailer Daemons verschickt hat, weil das 12MB-Postfach des Empfängers voll war, hat Googles Gmail massenhaft Nutzer mit lächerlich großen Mengen an kostenlosem Cloud-Speicherplatz angelockt. Auf diesem Gebiet wird sich noch viel tun, daher ist gar nicht so klar, ob es Apps in 10 oder 20 Jahren überhaupt noch gibt.

Und ja, Google ist auch auf allen mobilen Betriebssystemen mit diversen Apps vertreten. Gleichzeitig sind auch alle Google Dienste als Webapplikationen mobil nutzbar. Google ist praktisch überall, wo der Nutzer ist. Und das bedeutet momentan eben auch, mit Apps vertreten zu sein.

Der Irrtum, dass Gründer mit Apps erfolgreich werden

Einige wenige sehr erfolgreiche Apps haben eine sehr große Sichtbarkeit im Alltag, während die meisten im App-Store verstauben. Das führt leicht zu einem typischen Survivorship Bias – einem Fehlschluss, der nur das Positive berücksichtigt und das Negative ausblendet. Ja, einige der heißesten Startups, aber auch einige Einzelkämpfer haben es allein mit einer populären App zu großem Erfolg gebracht. Dabei neigt man dann eben schnell dazu, zu vergessen, dass dies extreme Ausreißer zwischen Millionen anderer Apps sind. Die Annahme, dass eine App eine einfache Möglichkeit ist, um erfolgreich zu gründen, ist schlichtweg falsch.

Warum überhaupt eine App und keine Web-Applikation?

Durch meinen Mitgründer Chris, seines Zeichens Geek und Early Adopter erster Güteklasse, wurde ich mit den wirklich wichtigen Apps immer schon sehr früh versorgt. Das ist sehr angenehm, denn mich haben Apps nie besonders interessiert, und noch viel weniger deren Programmierung. Somit bin ich wahrlich kein Experte, was die Funktionsweise, die Entwicklung und die Unterhaltung von Apps angeht. Dennoch habe ich fast immer das Gefühl, dass Gründungswillige mit App-Ideen noch weniger darüber wissen. Den meisten scheint gar nicht klar zu sein, was die genauen Unterschiede oder die wesentlichen Vorteile einer App gegenüber einer auf Mobilgeräte optimierten Web-Applikation sind. Ein großer Vorteil scheint die bessere Integration in das Betriebssystem und somit auch der erweiterte Zugriff auf die Hardware (etwa Sensoren) zu sein. Dabei ist bei vielen Apps gar kein erweiterter Zugriff auf die Hardware notwendig.

Der zweite Vorteil liegt in der Tatsache, dass keine Internetverbindung zum Starten der App notwendig ist. Wie eingangs erwähnt, wird dieser Zustand vermutlich bald nicht mehr existieren, und spätestens wenn die App geöffnet ist, wird meistens eine Internet-Verbindung benötigt. Dazu kommt die Herausforderung, eine reibungslose Funktionsweise der App auf allen unterschiedlichen Geräten und Betriebssystemen sicherzustellen. Im Vergleich dazu ist die Pflege einer Web-Applikation deutlich einfacher und dankbarer. Bei Bugs in der App hagelt es direkt empörte Bewertungen im App-Store, was die Vermarktung erschwert, bei Bugs an der Web-Applikation gibt es vielleicht auch mal böse E-Mails, aber der gute Ruf ist nicht direkt in Gefahr.

Vermarktung: wilder Westen in den App-Stores

Stichwort Vermarktung: Meiner Erfahrung nach wird der Aufwand, eine App zu vermarkten auch gerne unterschätzt oder gar komplett vergessen. Der Markt ist längst übersättigt. Um das zu realisieren braucht man keine Statistiken. Es genügt zu überlegen, wie viele Apps man wirklich in den letzten drei Monaten installiert hat. Yep. Überschaubar. Im Vergleich mal ganz kurz durchzählen, auf wie vielen Webseiten man alleine in der letzten Woche zum ersten Mal war. Viele, was?

Außerdem herrschen bei der Durchsuchung der App-Stores noch Zustände wie im wilden Westen. Also im Grunde wie im Internet, bevor es Google gab. Vor nicht langer Zeit lieferte eine Suche nach „Soundcloud“ in Apples App-Store ein paar Dutzend Musik-Apps, allesamt mit weißen Logos auf orangem Grund. Mittlerweile sind die Logos zwar nicht mehr zum Verwechseln ähnlich, aber die Apps sind geblieben. Stichwort: Keyword Stuffing. Das ist jetzt ein Beispiel, bei dem schon konkret nach einem App-Namen gesucht wird. Bei der Suche nach generischen Begriffen wird’s richtig wild. Wer mal einfach eine App zum Anzeigen von PDFs oder einen etwas umfassenderen Kalender gesucht hat, weiß was ich meine, wenn ich wilder Westen sage.

App-Store-Suchmaschinenoptimierung ist also kein Zuckerschlecken, und so wundert es kaum, dass zu fast jeder App mittlerweile eine Website vorhanden ist. Natürlich konversions- und suchmaschinenoptimiert. Moooment! Etwas aufgefallen? Was wäre, wenn diese optimierte Website, auf die auch tatsächlich eine ganze Menge Besucher gelangen, direkt die Funktionalität der App, sozusagen als Web-App bereit stellen würde? Voll gute Idee, lass gründen!

Dass viele App-Ideen zusätzlich auch noch davon abhängig sind, irgendeine Community oder zumindest eine kritische Masse an Benutzern aufzubauen, habe ich jetzt aus Platzgründen weggelassen. Mal ganz abgesehen von der Herausforderung der Monetarisierung…“

Über den Autor

philipp-jumpertz_webPhilipp Jumpertz ist im Internet zuhause und fühlt sich auf der Datenautobahn ins #Neuland pudelwohl. Er war damals live dabei, als die Server aus den unterirdischen Rechenzentren hoch in den Himmel, in die so genannte Cloud, aufgestiegen sind.

Mit einem eingeschworenen Team gründete er die Smart Body Transformation, ein Online-Programm für Ernährung und Training: Abnehmen ohne Hungern und ohne Jojo-Effekt mit Low Carb-, Medium Protein-, High Fat-Ernährung; Muskeln und Kraft aufbauen mit wenig Zeitaufwand und hoher Effizienz durch das wöchentliche 20-Minuten-Training. Im Fokus stehen dabei langfristige Erfolge und einfache Durchführbarkeit sowie Gesundheit und Wohlbefinden.

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