Ladies Dinner: Weniger Marketing, mehr Ehrlichkeit und Vertrauen

Verena Pausder, Organisatorin des Ladies Dinner (Bildnachweis: Kim Keibel)

Verena Pausder organisiert regelmäßig ein Networking-Event für weibliche Gründerinnen: das Ladies Dinner. In Berlin hat es bereits neun Mal stattgefunden. Jetzt gibt es das Dinner auch in Hamburg und München. Verena Pausder ist selbst Mitgründerin von „Fox and Sheep“, einem Unternehmen, das Apps für Kinder entwickelt. Im Interview spricht sie über die Besonderheiten des Ladies Dinner, Themen, die Gründerinnen lieber mit Frauen besprechen und Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gründern.

Wie ist die Idee zum Ladies Dinner entstanden?

Vor 2,5 Jahren habe ich auf einer Veranstaltung von KPMG zwei Partner kennengelernt, die sich um das Thema Startups kümmern. Die haben sich gewundert, warum bei Networking-Veranstaltungen der Raum meist voller Männer ist und haben mich gefragt, wie ein Format aussehen würde, zu dem Frauen gerne kommen würden. So wurde die Idee geboren.

Wie sollte das Event deiner Meinung nach aussehen?

Ich bin nicht so der Typ für Frauenevents, das finde ich meistens ein bisschen künstlich. Aber worauf ich richtig Lust hatte, war ein Dinner, das etwa alle drei Monate stattfindet. Vom Profil her sollten weibliche Gründerinnen, Investorinnen und Pressemultiplikatoren eingeladen werden. Dann sollte es ein richtig gesetztes Essen geben, eine Tischordnung und ein Lookbook auf dem Platz. Darin soll man von jeder, die da ist, eine Seite mit Kontaktdaten und Hintergrundprofil finden, damit man nicht den ganzen Abend damit beschäftigt ist, Visitenkarten auszutauschen. Außerdem hat man zwei, drei Impulsvorträge à fünf Minuten, wo die Anwesenden etwas erzählen, was sie nicht der Presse erzählen würden, sondern wie herausfordernd beispielsweise eine Situation war, die sie im Gründungsprozess erlebt haben.

So wurde deine Idee auch von KPMG übernommen?

Genau, KPMG hat das gesponsert und das erste Dinner war ein voller Erfolg. Alle geladenen Gäste sind gekommen und wir hatten keinen no-show. Das lag wahrscheinlich zum einen daran, dass man als Anmeldung ein Foto und einen ausgefüllten Fragebogen schicken musste, die dann in das Lookbook gedruckt wurden. Da machen nur diejenigen mit, die wirklich kommen möchten. Sicherlich auch ein Grund für den tollen Erfolg ist, dass wir das Dinner immer in irgendeinem coolen Restaurant in Berlin veranstalten. Viele sagen dann „Ach, da wollte ich immer schon mal hin.“ Das ist viel schöner als in irgendeinem Büro oder Konferenzraum.

Das Dinner wird seitdem regelmäßig von KPMG gesponsert?

Genau. Wir wählen jedes Mal ein neues Restaurant aus und erstellen ein Menü für 30-40 Gäste. KPMG hat immer weiter gesponsert, aber es gab auch schon Co-Sponsoring von Facebook, der Deutschen Bank und Lakestar. Von KPMG mischen sich dann zwei Partnerinnen oder Beraterinnen unter die Gäste, aber es wird nicht als Werbeveranstaltung genutzt, bei der man automatisch in einen Newsletter eingetragen wird oder ähnliches. Das war mir sehr wichtig.

Wie hast du entschieden, wer zum ersten Dinner eingeladen wird?

Ich wollte auf keinen Fall, dass die Gästeliste mein privater Verteiler ist. Das Kriterium war und ist: Jede Frau, die ein Startup in Berlin gegründet hat, ist auf der Einladungsliste. Dass es am Anfang ungefähr 30 waren, war Zufall. Wir wollten ja einen Rahmen von 30-40 Teilnehmerinnen. Mit der Zeit wurden es zwar mehr geladene Gründerinnen, aber die Teilnehmerzahl hat sich selbst reguliert – es haben ja nicht jedes Mal alle Zeit.

Wie läuft ein Ladies Dinner ab?

Die Gäste kommen um acht Uhr an. Die erste dreiviertel Stunde gibt es einen Aperitif und man kann sich unterhalten, mit wem man will. Das ist wichtig, weil man ja auch Frauen trifft, die man schon sehr gut kennt, die man aber auch nur selten sieht. Dann setzen sich alle und ich begrüße kurz. Nach der Vorspeise kommt der erste Impulsvortrag, nach dem Hauptgang der zweite. Für die Impulsvorträge wähle ich immer zwei Gäste aus. Meistens eine, die neu dabei ist, damit die anderen sie kennen lernen, und eine, die schon sehr lange dabei ist, bei der aber irgendein Event war. Also sie hat beispielsweise einen Exit gemacht, einen Preis gewonnen, oder ihr Startup hat irgendein neues cooles Produkt. Nach der Nachspeise löst sich die Runde dann irgendwann auf. Spätestens wenn das Restaurant schließt müssen auch die letzten gehen.

Gibt es spezielle Themen, die beim Dinner immer wieder zur Sprache kommen?

Finanzierung ist ein Thema mit großem Redebedarf: Finanzierungsrunden, Investoren, Austausch zu verschiedenen Strategien. Ein anderer großer Schwerpunkt ist Recruiting und damit einhergehend Unternehmenskultur. Wie hält man eine Kultur, wenn das Unternehmen wächst? Was habt ihr für Maßnahmen bei euch im Büro, um die Mitarbeiter zu motivieren? Das dritte große Thema ist Work-Life-Balance. Gerade sind zum Beispiel einige schwanger, da tun sich als Gründerin viele Fragen auf. Die sind dann natürlich eher organisatorischer Natur, also „Brauche ich einen Interimsmanager?“, „Ist es in Ordnung, nach drei Monaten zurück zu kommen?“ und nicht „Welchen Strampelanzug hast du gekauft?“

Ist es wichtig, über einige Themen speziell mit weiblichen Gründerinnen zu sprechen?

Total. Man hat dann viel weniger dieses „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“. Keine weibliche Gründerin erzählt dir „Wow, alles läuft so super, wir haben diesen mega Investor und wir können uns vor Kunden gar nicht retten“, sondern eher „Ganz ehrlich – es ist ganz schön anstrengend gerade!“ Also weniger Marketinggequatsche, mehr Vertrauen und Ehrlichkeit. Oft erzählen Gründerinnen beim Dinner ganz vertrauliche, noch inoffizielle Interna.

Woher kommt diese Vertrautheit?

Ich versuche schon mit meiner Ansprache einen gewissen Spirit zu verbreiten. Ich mache klar: „Wenn wir uns gegenseitig helfen, ist das hier ein powervolles Netzwerk“. Das zeigt sich unter anderem darin, dass wir in dieser Runde auch neue Produkte präsentieren. Wenn also jemand etwas neues auf dem Markt hat, wie zum Beispiel TeaTales, Kekszauber oder Berliner Honig, kriegen es an diesem Abend alle Gäste auf ihren Platz gelegt – wie bei einer Tupperparty. Alle Gäste können das Produkt also schon einmal nutzen, weitererzählen, posten. Oder es lassen und sagen: Jeder ist sich selbst am nächsten. Aber jede wird selbst einmal in die Situation kommen, wo sie froh ist, auf das Netzwerk zugreifen zu können. Wenn ich also selbst mitmache, kann ich es auch in Anspruch nehmen.

Was ist also der entscheidende Unterschied zu normalen Netzwerkveranstaltungen?

Es hat nichts damit zu tun, dass es Frauen sind, sondern es ist die Intimität des Events. Das wäre ähnlich, wenn es ein Gentlemen Dinner gäbe, aber dafür gibt es zu viele Gründer. Das Besondere ist, dass wir alle an einem Tisch sitzen und uns Zeit für Gespräche nehmen. Beim Ladies Dinner gibt es keinen oberflächlichen Smalltalk an irgendwelchen Fingerfood-Stehtischen. Durch die ausführlichen Gespräche entsteht eine Nähe, aus der heraus man sich leichter hilft, als wenn man sich auf einem lauten Event an der Bar trifft.

Ist es dann genau genommen ein Vorteil für das Event, dass es so wenige Gründerinnen gibt?

Ja. Wobei der nächste Schritt jetzt ist, dass wir im Oktober zum ersten Mal „Ladies Drinks“ veranstalten. Diese Idee entstand aus dem Gedanken heraus, dass es so viele coole Frauen auf der nächsten Ebene gibt, die Senior Rollen in Startups haben und vielleicht irgendwann einmal gründen, aber eben genau jetzt Gründerinnen treffen wollen. Wenn wir diese Frauen auch noch zum Dinner einladen, ufert das total aus.

Hast du Probleme, neue Gründerinnen für die Gästeliste des Ladies Dinner zu finden?

Nein, es gibt immer mehr Gründerinnen. Die Gästeliste erweitert sich nach dem Schneeballsystem. Ich kenne nicht alle, sondern werde von anderen Gründerinnen aus dem Netzwerk auf neue Namen aufmerksam gemacht. Dann gehe ich einmal mit denjenigen Essen oder Kaffee trinken, damit ich Gastgeberin bleibe und weiß, wer die Gäste sind. So wird es nicht anonym und ich kann die Gründerinnen besser untereinander vernetzen.

Frauen gründen ja immer noch seltener als Männer. Warum?

Ich glaube, weil Gründen viel Risiko ist und man im Vorfeld nicht abschätzen kann, wie es laufen wird. Damit tun sich Frauen schwerer als Männer. Frauen lassen sich auch leichter verunsichern. Wenn sie als Feedback zu ihrem Konzept neunmal „Wow“ und einmal „Hä?“ bekommen, gehen Frauen mit dem „Hä?“ im Kopf nach Hause und sagen: „Dann lass ich es lieber.“ Männer würden nur die neunmal „Wow“ hören – das „Hä?“ hätten sie schon wieder vergessen. Als Frau will man es gut, gründlich und richtig machen. Man fühlt sich nicht so wohl mit Scheitern, weil man das persönlich nimmt.

Hinzu kommt, dass es mit der Lebensplanung meistens so läuft: Man studiert, arbeitet irgendwo für drei bis sechs Jahre und stellt dann fest, dass man selbst gründen möchte. Klar, gründen auch manche nach der Uni. Tendenziell werden die Gründerinnen aber eher älter. Dann läufst du in den natürlichen Zyklus rein, du willst eine Familie gründen und hast Zweifel, ob sich das jetzt vereinbaren lässt und ob du mit 30 noch einmal alles riskieren möchtest. Ein Mann sagt in der gleichen Situation: „Also besser geht es ja eigentlich gar nicht, da bin ich ja viel flexibler.“ Der sieht eher die Vorteile und die Frau sieht eher die Nachteile.

Was würdest du aus eigener Erfahrung Frauen sagen, die diese Zweifel haben?

Einfach machen. Du kannst es nicht vorher rationalisieren. Der Moment, wo hinter allem ein grüner Haken ist, wird nicht kommen. Es wird immer das Restrisiko bleiben, dass das Produkt keiner haben will, dass du es nicht hinbekommst, dass du keine Finanzierung bekommst. Dieses Risiko wird dir keiner nehmen. Du musst einfach anfangen, denn der worst case ist doch eigentlich nur, dass man es versucht hat, und es nicht geklappt hat. Aber wenn ich dann auf mein Leben zurück gucke, werde ich doch nie sagen „Das war das Jahr, in dem habe ich gegründet und das hat nicht geklappt, hätte ich das mal nie gemacht.“ Ich werde doch viel eher sagen: „Ok, das hat zwar nicht geklappt, aber das hat mich weiter gebracht und es hat sich so nach Leben angefühlt.“ Im Großen und Ganzen wird es immer positiv sein, man wird immer froh sein, gegründet zu haben. In den festen Job kann man ja immer wieder zurückkehren.

Findest du, Frauen sollten andere Frauen mehr unterstützen?

Es sollte keine einzige Frau geben, die andere Frauen nicht unterstützt. Wie kann man sich denn nicht unterstützen? Jede Frau, die es mehr gibt, ist gut, weil sie ein Vorbild ist. Generell sollte man eine Offenheit haben, Rat und Hilfe anzubieten, Verbindungen zu schaffen. Das ist ein Wert, der zurückkommt. Das gilt gar nicht nur für Frauen.

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