Ohne Alan Turing würden wir hier jetzt vermutlich alle gar nicht sitzen, zumindest nicht vor dem Computer, als dessen Miterfinder das britische Mathegenie gilt. Und der 2. Weltkrieg wäre ohne ihn anders verlaufen. Weil sein Leben dann auch noch ein tragisches Ende nahm, bietet es reichlich Stoff für den Film „The Imitation Game“, der heute in die deutschen Kinos kommt.

Alan Turing starb 1954 als gebrochener Mann. 1952 wegen grober Unzucht und sexueller Perversion, als die Homosexualität damals in England galt, rechtskräftig zu einer Hormonbehandlung verurteilt, die ihn quasi chemisch kastrierte, entwickelte er Depressionen, die schließlich zum Suizid führten. Erst 2013 wurde er von Königin Elizabeth II. postum begnadigt, nachdem es um das Thema lange erbärmliche Diskussionen gegeben hatte. Dabei hat die Welt Turing enorm viel zu verdanken. Die Turingmaschine, der Turing-Test für künstliche Intelligenz und der Turing Award sind Begriffe, die nicht nur Informatikern geläufig sind.

Der Computer hat mehrere Väter, und eine der ersten Maschinen, die diesen Namen aus heutiger Sicht verdienten, war eine kleiderschrankgroße Konstruktion, die dazu diente, die Funksprüche der deutschen Wehrmacht zu enträtseln. Die Nazis benutzten zur Verschlüsselung ein Gerät mit dem programmatischen Namen Enigma und änderten täglich den Code, so dass es lange Zeit unmöglich schien, ihn zu entziffern. Einem Team von Wissenschaftlern, in dem Turing eine entscheidende Rolle spielte, gelang es dennoch. Eine wissenschaftliche Heldentat, die wahrscheinlich den Ausgang des Krieges wesentlich beeinflusste und Millionen das Leben rettete, die aber bis in die 1970er Jahre geheim blieb, so dass Turing zu Lebzeiten den verdienten Ruhm nie genießen konnte.

Cumberbatch vor ChristopherBenedict Cumberbatch als Alan Turing mit seiner Dechiffrierungsmaschine, die er im Film nach einem Jugendfreund Christopher benennt

Die Geschichte rund um die Enträtselung von Enigma bildet das Zentrum des Films „The Imitation Game“, der heute am 22. Januar in die deutschen Kinos kommt. Als Alan Turing perfektioniert der Londoner Schauspieler Benedict Cumberbatch seine Rolle des begnadeten Arschlochs, die ihn als modernen Sherlock in der gleichnamigen BBC-Serie weltberühmt gemacht hat, und gibt ihr zusätzliche Tiefe. Zu normalen sozialen Kontakten kaum fähig, stets besserwisserisch und arrogant, so legen Cumberbatch und das Drehbuch den Film-Turing an, und doch gehört ihm von Anfang an die Sympathie des Publikums, denn die Tragik des Außenseiters, zugleich genial und geächtet, ist immer spürbar.

In weiteren Rollen sind unter anderem Keira Knightley als brilliante Mathematikerin und Mark Strong als perfide-pragmatischer Geheimdienstler zu sehen. Cumberbatch und Knightley wurden für diverse Preise nominiert, und der Film, mit dem der Norweger Morten Tyldum sein internationales Debut gibt, geht in insgesamt acht Kategorien bei den Oscars ins Rennen, wenn auch nicht als Favorit. Gerade in England stieß The Imitation Game allerdings nicht auf ungeteilte Begeisterung, Kritiker warfen ihm vor, mit der historischen Wahrheit allzu schlampig umzugehen und Turing  in einer Szene sogar zu Unrecht als Landesverräter darzustellen. Ganz so ist es nicht, aber natürlich hat jedes Biopic damit zu kämpfen, zwischen größtmöglicher Faktentreue und Kinotauglichkeit den Mittelweg zu finden. Für Turing-Puristen ist das nicht gelungen, unvoreingenommene Zuschauer können sich auf einen der besten Filme der Saison freuen.

Und warum berichten nun die Gründerfreunde über The Imitation Game, wo sie sich doch sonst nicht an Filmkritiken versuchen? Weil er eine Geschichte erzählt, die vom Anfang der digitalen Welt handelt, in der wir mittlerweile alle leben und die überlebenswichtiges Ökosystem für viele Gründer ist. Und weil er zeigt, wie auch ein monomanisches Genie auf ein funktionierendes Team angewiesen ist und dieses Team auf die Ideen eines Einzelnen – eine Situation, ein paar Nummern kleiner, die so einigen Startups bekannt vorkommen könnte.

Foto ganz oben: Matthew Beard, Matthew Goode, Keira Knightley, Benedict Cumberbatch and Allen Leech entschlüsseln Enigma