Einen Saftladen zu führen – davon träumt eigentlich niemand. Es sei denn, man nimmt den Begriff wörtlich und sich vor, den bestmöglichen Apfelsaft überhaupt zu produzieren, wie es sich das Team von leev auf die Fahnen geschrieben hat. Dann erfüllt sich mit dem eigenen Saftladen tatsächlich ein Traum.

Wobei Laden nicht ganz der richtige Ausdruck ist. Fruchtsafthersteller trifft es besser, und davon gibt es reichlich in Deutschland, mehr als irgendwo sonst auf der Welt. 375 Unternehmen hat der Verband der deutschen Fruchtsaft-Industrie (VdF) gezählt. Und auch beim Fruchtsaftkonsum hat Deutschland weltweit die Nase vorn. 32 Liter waren es 2014 durchschnittlich pro Person, davon 7,9 Liter Apfel- und 7,8 Liter Orangensaft. Mit einem Gesamtumsatz von knapp 3,6 Milliarden Euro (plus 5 % über dem Vorjahr) ist das ein gewaltiger Markt, auch wenn der Konsum leicht rückläufig ist.

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leev gibt es in drei Sorten: Boskoop (auch als Schorle erhältlich), Elstar und Holsteiner Cox.

Wie stehen also die Chancen für einen weiteren Anbieter wie leev? Durchaus gut, wenn die Säfte mit Liebe gemacht sind, und nichts anderes bedeutet das plattdeutsche Wort „leev“.  Gerade im höherpreisigen Segment der Direktsäfte und regionalen Produkte steigt die Nachfrage, Nachhaltigkeit ist da ein populäres Stichwort. leev kann hier auf ganzer Linie punkten, denn das Startup bietet nur sortenreine Apfelsäfte, die ohne Zusatzstoffe im Alten Land, dem größten Obstanbaugebiet Nordeuropas vor den Toren Hamburgs, hergestellt wird. Wie leev entstanden ist, erzählt Gründerin und Geschäftsführerin Natalie Richter:

„Ich hatte eine tolle Festanstellung als Strategin in einer der besten Werbeagenturen Deutschlands. Mit viel Verantwortung und spannenden Kunden. Trotzdem wollte ich gern noch einen Schritt weiter gehen: etwas eigenes auf die Beine stellen. Und so kam es, dass der Zufall mich ins Alte Land führte, wo ich auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken in einem Hofladen sortenrein gepresste Apfelsäfte entdeckte. Ich war sofort begeistert, kaufte ein paar Flaschen und als ich die Säfte zu Hause probierte, haute mich der Geschmack einfach um. So ging es nicht nur mir, sondern auch allen Freunden, denen ich die Säfte zeigte. Je mehr Begeisterung um mich herum für dieses eigentlich ja sehr einfache Produkt Apfelsaft entstand, desto mehr formte sich in meinem Kopf die Idee, daraus etwas zu machen: Dafür zu sorgen, dass dieses Geschmackserlebnis nicht im Alten Land in einem Hofladen bleibt, sondern nach Hamburg, Deutschland und vielleicht sogar ins Ausland getragen wird.“

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Obstblüte im Alten Land (Quelle: Webseite der Gemeinde Jork)

Natalie weiter: „Gespräche mit Einzelhändlern und Gastronomen bestärkten mich, dass hier eine spannende Nische existiert. Also machte ich mich auf die Suche nach einem Team: Meine Recherche führte mit zu Joachim Holst, der im Alten Land eine Mosterei betreibt. Bei vielen Tassen Kaffee lernten wir uns kennen und arbeiteten über mehrere Monate hinweg gemeinsam das Konzept für leev aus: Wir bestimmten die Apfelsorten, die Fruchtbasis – ausschließlich hochwertiges Tafelobst sollte bei leev verwendet werden – und die Eckdaten für unsere gemeinsame Marke. Mit diesen Ideen im Gepäck suchte ich Christina Nissen auf, eine befreundete Grafik- und Verpackungsdesignerin, die ich aus früheren Projekten kannte. Ich musste nicht 2x fragen, ob sie Lust hat, mitzumachen. Und so war unser Team Mitte 2014 vollständig: Strategie, Produktion und Design. Mit diesen Kompetenzen gründeten wird die leev GmbH und sind seit Dezember 2014 am Markt. Es ist ein Saftladen, in dem tatsächlich alles mit Liebe selbst gemacht wird.“

Kaum waren die ersten Flaschen gefüllt, machten sich Natalie und Christina daran, in Hamburg Feinkostläden, gehobene Supermärkte und Gastronomen abzuklappern und ihre edlen Säfte anzupreisen. Mit wachsendem Erfolg: Mittlerweile gibt es sogar einen Webshop, in dem Apfelsaftfans nicht nur ihr Lieblingsgetränk, sondern als Fanartikel Rücksäcke mit dem Unternehmemsmotto „Yay“ und einer freundlichen Biene bestellen können. Die Biene hat leev nicht zufällig als Maskottchen gewählt, denn das Insekt ist von essentieller Bedeutung für den Fortbestand der Apfelbäume. Deshalb spendet das Startup von jeder verkauften Flasche zwei Cent an regionale Aktionen zum Schutz der Wild- und Honigbienen.

Noch bewegen sich die Umsätze im überschaubaren Rahmen, doch die bisherige positive Resonanz bestärkt das Team von leev in seiner Überzeugung, den richtigen Schritt gemacht zu haben. Es gibt Untersuchungen, die sagen, dass Fruchtsäfte in Westeuropa in den kommenden Jahren das am stärksten wachsende Segment im Lebensmittelmarkt sein werden. Doch verträgt sich starkes Wachstum überhaupt mit nachhaltigen Produkten wie denen von leev? Grundsätzlich schon, denn einerseits ist das Alte Land groß genug, um noch deutlich mehr Apfelsaft zu produzieren, andererseits gibt es auch in anderen Regionen und Ländern Anbaugebiete, die hervorragende Säfte hervorbringen können. Hauptsache, sie sind mit Liebe gemacht.

Bild ganz oben: Natalie Richter, Christina Nissen und Joachim Holst, das Team von leev.