Mitten in Berlin-Pankow liegt das Büro von Kindersport aus Berlin. Fahrräder mit Kindersitzen stehen im Hauseingang und auf dem Gehweg schleppt ein junger Vater Windeln im Maxi-Pack vorbei. Ein Familien-Stadtteil. Marcus Dippe führt durch helle große Räume in einen Konferenzraum. Der Mitgründer des Startups ist ein gewissenhafter Gastgeber und Unternehmer. Er schenkt mir Wasser ein und nimmt sich jedes Mal kurz Zeit, bevor er auf eine Frage eingeht.

Gründerfreunde:  Was macht Kindersport aus Berlin?

Marcus Dippe:  Wir sind ein Kindersport- und Bildungsanbieter. Wir bieten ein breites Angebot und bewegen derzeit wöchentlich ungefähr 1300 Kinder zwischen 0-8 Jahren in verschiedenen koordinativen und motorischen Bewegungs- und Schwimmkursen.

Gründerfreunde:  Klingt nicht nach einem typischen Startup-Konzept…

Marcus Dippe:  Wir könnten auch Blumentöpfe verkaufen, aber wir wollten mit unserem Geschäftsmodell auch etwas Gutes für die Gesellschaft tun. Uns ist es ein Anliegen, das Bewegung in den Kita-Alltag integriert wird und generell in den Lebensalltag von Familien. Wir wollen Kinder auf die Herausforderungen des Schulalltags, auf ihre Zukunft vorbereiten. Es gibt viele Angebote für Kindersport in der Stadt. Aber kein Anbieter sagt so klar: Wir wollen den Sport für Kinder zwischen 0 und 8 Jahren professionalisieren.

Gründerfreunde:  Wie kamt ihr zu diesem Anliegen?

Marcus Dippe:  Es ist über die Zeit gewachsen. Vor ungefähr zehn Jahren haben wir zusammen einen Verein ins Leben gerufen, um zum Spaß Fußball zu spielen. Der Vorsitzende des Vereins, Robert Brichta kommt ursprünglich aus dem Leistungsschwimmen. Robert ist außerdem zweifacher Familienvater, wie sich das in Pankow auch gehört. Lacht. Er hat dann ein Bewegungsangebot für seine Kinder gesucht. Da haben wir gesagt: Das machen wir einfach selbst. Daraus entstand unser erstes freies Spielangebot. Dafür haben einen professionellen Trainer engagiert. Das hat sich dann relativ schnell herumgesprochen. Die Halle war nach der zweiten Woche rappelvoll. Da kam uns das erste Mal die Idee, dass hier Potential drin steckt.

Gründefreunde:  Inzwischen gibt es aber nicht nur den Verein, sondern auch eine Unternehmergesellschaft.

Marcus Dippe:  Die Nachfrage war immens. Das Telefon stand nicht mehr still. Über die Jahre haben wir als Verein immer mehr Hallenzeiten und Sportflächen organisiert. Die Leute haben offensichtlich Lust, ihre Kinder in einem organisierten Sportkurs anzumelden. Also wurde daraus bald die Idee, das in Zukunft unternehmerisch zu organisieren.

Gründerfreunde:  Kindersport ist euch eine Herzensangelegenheit – Was ist, wenn es schief geht?

Marcus Dippe:  Wir sind durch eine lange Phase gegangen, in der wir persönlich viel Herzblut reingesteckt haben. Wir waren alle in festen Jobs und erst als wir gemerkt haben, dass die Entwicklung weiter positiv anhält, haben wir den Schritt ins unternehmerische gemacht. Deswegen sind wir auch hundert Prozent eigenfinanziert. Wir haben ein marginales eigenes Kapital investiert und sehr viel Zeit und Arbeitskraft. Klar, sollte die Nachfrage irgendwann nicht mehr da sein, dann sollte man daraus Konsequenzen ziehen – aber diese Entwicklung ist gerade nicht abzusehen.

Gründerfreunde: Oder ihr sucht euch einen Investor…

Marcus Dippe:  Es gibt Investoren, die sich für uns interessieren. Wir haben uns aber bisher einheitlich dagegen entschieden. Wir wollen unabhängig bleiben, was Entscheidungen und Steuerung angeht. Wir dürfen das Vertrauen bei den Familien, für die wir unser Angebot machen, nicht verlieren. Die Eltern schauen sehr genau, wem sie hier ihre Kinder anvertrauen. Es müsste also nicht nur vom Finanziellen, sondern auch von der Philosophie her passen. Das Produkt muss authentisch bleiben. Gerade beim Thema Kinder.

Gründerfreunde: Ihr seid immer den sicheren Weg gegangen. Trotzdem bedeutet Gründen auch, unternehmerisches Risiko zu tragen. Wie gehst du damit um?

Marcus Dippe:  Ich habe es mir nicht leicht gemacht, diesen Schritt zu gehen. Ich war vorher immer in gesicherten Beschäftigungsverhältnissen. Das ist eine neue Erfahrung für mich, so viel Verantwortung zu tragen. Es kann immer irgendeine überraschende Situation eintreten.

Gründerfreunde: Dieser Gedanke kann einen nachts wach halten.

Marcus Dippe:  Wir feiern ja gerade unser einjähriges als Vollzeit-Unternehmer. Das ist für mich eine ganz wichtige Marke. Ich habe immer gesagt: Wenn wir es ein Jahr geschafft haben, dann wissen wir, wie wir das nächste Jahr angehen können. Dann können wir längerfristig planen. Das hat die Anzahl der schlaflosen Nächte reduziert.

Gründerfreunde:  Bleibst du immer so besonnen?

Marcus Dippe:  Das größte Geschenk meiner Eltern an mich ist die Gabe, in vielen Momenten die Ruhe zu bewahren. Wenn es ein Problem gibt, wird es analysiert und geguckt, welche Lösungen es dafür gibt. Ich bin kein Choleriker. Und das lässt mich viele Situationen erfolgreich angehen.

Gründerfreunde:  Ist das auch deine Rolle im Gründerteam?

Marcus Dippe:  Wir sind von unseren Disziplinen her total unterschiedlich, was auch ein Faktor für unsere erfolgreiche Entwicklung ist. Mit Malte Unger haben wir einen Wirtschaftsinformatiker für die IT-Prozesse. Robert Brichta ist studierter Historiker, bringt aber die Praxis vom Leistungssport und seine jahrelange Erfahrung als Trainer für die sportliche Konzeption mit. Und dann gibt’s eben noch mich, der Kontakte knüpft und das Unternehmen betriebswirtschaftlich gut führt.

Gründerfreunde: Drei Akteure mit Vereins-Stallgeruch. Ist das für eure Kunden ein Kriterium?

Marcus Dippe:  Der Verein ist für die Kunden ein Thema, aber wir leben von der Marke. Die Leute sehen in uns Kindersport aus Berlin. Die Vereinslandschaft wird sich sowieso perspektivisch stark verändern. Das Vereinsleben, wie ich es noch aus meiner Jungend kenne, sehe ich immer weniger. Die Mitglieder verstehen dich immer mehr als klassischen Dienstleister. Dieser Gedanke festigt sich beispielsweise bei der Gewinnung von Ehrenamtlichen für Vereinsfeste. Solche Entwicklungen berücksichtigen wir.

Beim Hinausgehen spricht Marcus Dippe über Sportnutzungsflächen, das Berliner Vereinswesen und Versicherungsfragen im Outdoor-Sport wie andere über ihren Lieblings-Fußballclub. Er ist nicht nur ein gewissenhafter, sondern vor allem ein begeisterungsfähiger Gründer. Als ich wieder auf der Straße stehe, sind die Kinderstimmen im Viertel verstummt. Es ist Mittagsschlafzeit in Pankow.