Gestern begann die Social Media Week in Hamburg. Bei insgesamt über 200 Veranstaltungen ist es natürlich unmöglich, erschöpfend darüber zu berichten, aber unser Tagebuch soll einen kleinen Eindruck vermitteln, was bei dem Event alles geboten wird. Einer der Schwerpunkte am Montag war das Banking im digitalen Zeitalter. Dort ging es auch um die Frage, wer beliebter ist: der Zahnarzt oder der Bankberater?

Beginnen wollen wir allerdings mit einem kleinen Abstecher nach Hyper Island. Die aus Schweden stammende Schule sieht sich gern  als „Digitales Harvard“ und bietet Vollzeitstudiengänge und verschiedene Workshop-Formate an. Unter anderem in Stockholm, New York, London, São Paulo und Singapur bildet Hyper Island seit 1996 die digitale Elite von morgen aus. Über 20.000 Absolventen aus mehr als 40 Ländern haben bereits an den Programmen teilgenommen. Jetzt kooperiert die Zeitschrift WIRED Germany exklusiv mit Hyper Island und veranstaltet zwei Master Classes im März und im Juni, jeweils für drei Tage (mehr Infos dazu hier). Einen kleinen Vorgeschmack sollte der Vortrag unter dem Motto „Future Trends and Transformation“ geben. Tatsächlich konnten spontan zusammengewürfelte Teams ein Alltagsproblem benennen und mithilfe einer fiktiven, auf Papier skizzierten App lösen. Das war ganz nett, mehr aber auch nicht.

wikifolio2

Konkreter wurde es bei dem Vortrag von Stefan Greunz, Head of Business Development von wikifolio, einer Online-Plattform für Anlagestrategien von privaten Tradern und professionellen Vermögenverwaltern, die 2012 in Wien gegründet wurde. Dort kann nicht nur jeder sein eigener Fondsmanager sein, sondern seine Depotzusammenstellung, genannt wikifolio, Anlegern anbieten. Auf Basis eines solchen wikifolios emittiert die Partnerbank Lang & Schwarz ein Finanzprodukt mit eigener ISIN (wikifolio-Indexzertifikat), dass die Wertentwicklung der jeweiligen Handelsidee nachvollzieht. In Zeiten steigender Börsenkurse ist das ein voller Erfolg: 2.308 investierte Portfolios, 2,3 Millionen Trades und 325 Millionen Euro  investiertes Kapital bezeugen das. Attraktiv für die Anleger sind die geringen Gebühren, hohen Renditen und die totale Transparenz bezüglich der Zusammenstellung der wikifolios. Bleibt nur abzuwarten, wie sich Social Trading schlägt, wenn es an den Börsen mal wieder bergab geht.

Um kleinere Beträge geht es in der Regel bei einer App, die das Starnberger Startup lendstar entwickelt hat und in einer zusammen mit der comdirect erweiterten Version im Fühjahr auf den Markt bringen wird. Diese App (Bild ganz oben: ein Prototyp) beschäftigt sich mit dem Alltagsproblem, dass jemand im Freundeskreis zum Beispiel Geld für ein Geburtstagsgeschenk oder ein gemeinsames Freizeiterlebnis eingesammelt und nun diese Minischulden einzutreiben hat. Was bisher umständlich in bar bezahlt werden musste, geht dank lendstar jetzt über das Smartphone, und zwar ohne die lästige Eingabe von Kontendaten. Wer sich einmal mit seiner Bankverbindung angemeldet und mit Gleichgesinnten eine Gruppe gebildet hat, braucht sich um IBAN & Co nie mehr zu kümmern.  Bemerkenswert an dem Projekt ist nicht nur der praktische Nutzen, der sich aus dem Community-Gedanken von Social Media speist, sondern die Tatsache, dass hier eine etablierte Bank mit zwei Millionen Kunden und ein FinTech-Startup, angeblich eher natürliche Feinde, gemeinsame Sache machen. Die Referenten Mariusz C. Bodek (comdirect) und Christopher Kampshoff (lendstar) vertrugen sich auf der Bühne jedenfalls ausgezeichnet.

whcLänder, in den Women Who Code Aktiv ist

Wir verlassen vorübergehend die FinTech-Welt und besuchen einen Vortrag, der im Programm als Keynote ausgewiesen ist. Dafür ist der Saal in den Schanzenhöfen bedauerlich schwach gefüllt, wie man überhaupt feststellen konnte, dass alle von uns besuchten Verantaltungen nicht überfüllt waren und man auch ohne Voranmeldung noch problemlos Platz finden konnte, eben auch bei Alaina Percival von Women Who Code. Diese weiltweit aktive Organisation setzt sich dafür ein, dass Frauen den ihnen zustehenden Platz in der Arbeitswelt einnehmen können, vor allem in der digitalen. „Upwardly mobile – the rise of the tech class“ war der Titel der Veranstaltung und griff damit das Motto der gesamten Social Media Week auf. Leider blieb der Inhalt weitgehend im Ungefähren, wobei natürlich das Thema – Gleichberechtigung – unbestritten wichtig ist, und auch die Diskussionsbeiträge aus dem Publikum führten nicht wirklich weiter. Schade.

Zurück zu FinTech und einer weiteren Keynote. Moderiert von Dr. Nicholas Ziegert (Warburg) diskutierten André M. Bajorat (figo), Dr. Sven Deglow (comdirect), Christopher Kampshoff (lendstar) und Lennart Boerner (Kreditech) über den Status quo des Themas „Bank trifft Startups“. Große Kontroversen wollten nicht aufkommen, alle Diskutanten waren sich einig, dass die klassischen Banken viele Innovationen verschlafen haben und Startups zahlreiche Nischen besetzen konnten, aber mit ihren geringen Kundenzahlen weit davon entfernt sind, die alten Geldinstitute abzulösen. Die könnten allerdings in Zukunft auf wenige Kernkompetenzen beschränkt werden, während FinTechs mit ihrer größeren Kundennähe und ihren Mobile-Angeboten den Finanzalltag der User dominieren. Am Ende sollten beide aber eher Partner als Gegner sein. Und um eine weitere Eingangsfrage zu klären: In praktisch jedem der das Thema FinTech behandelnden Vorträge wurde eine Untersuchung zitiert, nach der die überwiegende Zahl der Bundesbürger lieber zum Zahnarzt ginge als zum Bankberater. Allerdings war die Zahl jedes Mal eine andere, daher hier das Originalzitat aus der FAZ vom 18. Mai 2011:

„Die Deutschen gehen lieber zum Zahnarzt als zu ihrem Bankberater. Zu diesem erschreckenden Ergebnis kommt der Fondsbranchenverband BVI in einer repräsentativen Umfrage unter 1000 Befragten, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa durchführte. 88 Prozent der Befragten vereinbaren demnach regelmäßig, also mindestens einmal im Jahr einen Termin beim Zahnarzt, doch nur 11 Prozent bei ihrem Bank- oder Finanzberater.“