Laut dem Global Innovation Index 2014 ist die Schweiz das innovativste Land der Welt. Die USA erreichen in diesem Ranking nur Platz 6, Deutschland schafft es gar nur auf Position 13. Da läge es nahe, dass die Schweizer auch bei Startups ganz weit vorn sind, aber ist das wirklich so? Die Gründerfreunde haben nach Antworten gesucht.

„In a startup, it doesn’t matter if you’re 100 percent right 100 percent of the time.“ (Steven Gary Blank – The Four Steps to the Epiphany). Laut Startup-Guru Blank ist Perfektionismus bei Neugründungen also eher hinderlich; viel wichtiger sind schnelle Entscheidungen und schnelle Korrekturen oder sogar Richtungswechsel, wenn sie sich als notwendig herausstellen. Das Schweizer Naturell, so das Klischee, ist dagegen stärker geprägt von Langsamkeit und Gründlichkeit, Faktoren, die in der sich rasant entwickelnden digitalen Welt nachteilig sein können. Solche Stereotypen haben durchaus ihren wahren Kern, wie die Wirtschaftswebseite Moneycab  berichtet (hier) und sich dabei auf eine Studie des World Economic Forums beruft. Als weitere Erfolg hemmende Tugenden werden genannt: Bescheidenheit, sehr gut bezahlte Arbeitsplätze, fehlende wirtschaftliche Ambitionen und unternehmerisches Scheitern als gesellschaftliches Stigma.

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Idylla, das Molekulardiagnose-System von Biocartis

Wo liegen also die Schwerpunkte der Startup-Szene in der Schweiz? Eindeutig in den Bereichen Medizin, Pharma und Biotech. 2014 brachten 92 Finanzierungsrunden insgesamt 457 Millionen Franken Investorengelder ein (+ 10 % gegenüber dem Vorjahr). Mehr als drei Viertel davon bekamen Unternehmen aus dem genannten Segment, allen voran Biocartis mit 78 Millionen Schweizer Franken für eine Molekulardiagnose-Plattform. Unter den Top 10 ist mit dem Reiseportal GetYourGuide (23 Millionen) nur ein Startup aus einer anderen Branche. Den gesamten Swiss Venture Capital Report, dem diese Zahlen entnommen sind, gibt es hier.

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Das international vielleicht bekannteste Schweizer Startup ist Doodle, und das ist nicht mehr taufrisch: Bereits  im Jahr 2003 entwickelte der Informatiker Michael Näf (Bild oben rechts) das Terminplanungs-Tool, als er ein Essen mit mehreren Freunden organisieren wollte. 2007 gründete Näf zusammen mit seinem ehemaligen Studienkollegen Paul E. Sevinç (links) die Firma Inturico Engineering GmbH mit Sitz in Zürich, die später in die Doodle AG überführt wurde. Inzwischen hat das Unternehmen weltweit über 20 Millionen Nutzer pro Monat.

Damit solche Erfolgsgeschichten keine Einzelfälle bleiben, bemühen sich diverse Veranstaltungen um Belebung der Szene. Etwa die Startupfair, nach eigener Darstellung die grösste nationale Messe für Jungunternehmer und ein Forum, wo sich Startups, Dienstleister, Behörden, Startup-Förderer, Hochschulen, Investoren und Medien zusammenfinden sollen. Im Zentrum steht das Finale des Startup-Battles 2015: Zehn Startups, die sich in einem monatelangen Verfahren für das Finale qualifiziert haben, präsentieren einer Jury ihre Geschäftsideen, drei von ihnen gelangen ins Finale, und der Gewinner erhält ein Jahr lang kostenlos Arbeitsplätze und Business Coaching im Startzentrum Zürich. Tag der Entscheidung ist der 2. Juli.

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Schon ein paar Monate vorher, nämlich am 17. und 18. April, geht der START Summit über die Bühne, den die studentische Organisation START global der Universität St. Gallen (Bild oben) präsentiert. Deren Aktivitäten fokussieren sich auf die Förderung von Jungunternehmern an der Universität selbst und in der ganzen Schweiz. Dazu organisieren sie jährlich den START Summit, eine Talentkonferenz für Entrepreneurship und Innovation, die an zwei Tagen Studenten aus aller Welt eine Gelegenheit schaffen soll, sich auszutauschen und Kontakt mit Startups und Sponsoren aufzunehmen. Dieses Jahr liegt das Hauptaugenmerk auf den Themen Tech, Mobile und E-Commerce, sowie auf  Digital Health und dem asiatischen Startup-Markt. Das Gipfeltreffen hat mit einem umfangreichen Programm und Keynotes von Persönlichkeiten wie dem ehemaligen Kanzler von Österreich Alfred Gusenbauer bereits rund 700 Studierende aus 47 Ländern zur Anmeldung bewegt (von denen voraussichtlich nur 300 tatsächlich angenommen werden). Dazu kommen bisher knapp 120 Startups und 40 Investoren. Vielleicht verhilft dieses internationale Flair dazu, den Schweizer Perfektionismus mit etwas Unbekümmertheit aufzulockern.