Startups, die sich das Thema „Gesundheit“ auf die Fahne geschrieben haben, gibt es viele. Meist beschäftigen die sich mit Ernährung und Fitness und sind nur bedingt innovativ. Doch da sind auch einige, die tatsächlich die Medizin und das Gesundheitswesen voranbringen. Zum Beispiel die preisgekrönten Newsenslab, Retrobrain und Medgate, die wir heute vorstellen.

Vergangene Woche wurden die Gewinner des Eugen Münch-Preises 2016 bekannt gegeben. Ausgezeichnet wurden Newsenselab für die zertifizierte Medizin-App M-sense gegen Migräne und Kopfschmerzen sowie Retrobrain für die Memore-Box, mit der Senioren spielerisch gezielte therapeutische Übungen durchführen können. Beide Preise sind mit jeweils 15.000 Euro dotiert. Das Schweizer Unternehmen Medgate, das Europas größtes, ärztliches telemedizinisches Zentrum betreibt und rund um die Uhr medizinische Betreuung und Beratung bietet, erhielt einen Sonderpreis für seine Vorreiterrolle.

„Alle prämierten Arbeiten belegen eindrucksvoll, dass durch den kreativen und innovativen Einsatz moderner Technologien sowohl die Patienten als auch die Volkswirtschaft profitieren. Dem kann und darf sich die Gesellschaft nicht verschließen, wenn das Gesundheitssystem zukunftsfähig werden soll“, so der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Stephan Holzinger.

Und das sind die Gewinner:

Newsenselab /M-sense

newsenselab
Die Idee kam dem Gründungsgesellschafter und heutigen Geschäftsführer Stefan Greiner im Winter 2014/15 durch Gespräche mit seiner Mitbewohnerin, die seit Jahren an Migräne leidet. Daraufhin entwickelte er zusammen mit Dr. Markus Dahlem, einem langjährigem Migräneforscher an der Humboldt-Uniersität Berlin, dem Softwareentwickler Martin Späth und dem Data Scientist Simon Scholler eine Software zur Diagnose von Einflussfaktoren von Migräneattacken. Ein Jahr später war die Newsenselab GmbH mit Sitz in Berlin gegründet, die im September 2016 ihr erstes Produkt auf den Markt brachte: die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense, die weltweit erste digitale Migränetherapie, die sowohl Auslöser von Migräne- und Kopfschmerz analysiert als auch mobile Therapiemethoden zur Verfügung stellt

Die datengetriebene, mobile Therapie soll es Erkrankten erlauben, ihre Migräneattacken besser zu bewältigen und Intensität, Dauer und Häufigkeit der Attacken sowie die Medikamenteneinnahme um bis zu 40 Prozent zu reduzieren. Die Analysesoftware von M-sense untersucht dabei automatisiert Zusammenhänge zwischen Wetterumschwüngen und den individuellen Migräne- und Kopfschmerzschüben, die der Nutzer in einer Art Tagebuch festhält. Zusätzlich können Betroffene weitere relevante Faktoren wie Schlafmuster, Aktivitätslevel oder Stressphasen dokumentieren.

RetroBrain / MemoreBox

retrobrain
In mehreren Senioren – und Pflegeheimen Hamburgs schwingen sich die Bewohner nach dem Mittagskaffee aufs Motorrad, spielen Tischtennis oder kegeln und tun damit etwas für ihre Gesundheit. Das ist selbst im hohen Alter von 95 Jahren noch möglich – weil es virtuell geschieht. Die älteren Menschen stehen oder sitzen vor dem Fernseher und steuern durch die Bewegungen ihrer Arme oder ihres Körpers das Motorrad, den Tischtennisschläger oder die Kegelkugel auf dem Fernseher. Möglich macht dies ein Sensor der so genannten MemoreBox, der die Gesten der Spieler direkt auf den Bildschirm ins virtuelle, aber lebensnahe Geschehen überträgt.

Die MemoreBox für Senioren, die an jeden handelsüblichen Fernseher angeschlossen werden kann, ist ein Projekt des Hamburger Startups RetroBrain. Dessen CEO und Mitgründer Manouchehr Shamsrizi möchte therapeutische Übungen gamifizieren, also in ein Spiel übertragen. Der Spaß daran animiert die Heimbewohner zu Bewegungsabläufen, die sie wohl eher selten oder gar nicht machen würden, wenn sie vom Arzt oder vom Pflegepersonal als Übung empfohlen würden. Erwartet wird, dass die Senioren durch die regelmäßigen spielerischen Bewegungen Koordinationsfähigkeit, Beweglichkeit, Gleichgewichtssinn, Reaktionsvermögen, aber auch ihre Kognition trainieren und so z. B. ihre Sturzgefahr reduzieren.

Auch eine beginnende Demenz kann durch Videospiele und Übungen verlangsamt werden. Die Heime, die an diesem innovativen Projekt beteiligt sind, erhoffen sich mehr Gesundheit und Lebensqualität für die Senioren und gleichzeitig eine Entlastung des Pflegepersonals. Die MemoreBox ermuntert dabei zur Teilnahme am öffentlichen Heimleben und sozialen Interaktion und leistet damit einen wichtigen Beitrag zu Lebensqualität und Gesundheit im Alter. In einer Kooperation mit der Barmer GEK und der Humboldt- Universität Berlin wird die MemoreBox seit Mitte 2016 erfolgreich getestet.

Medgate

medgate
Das schweizerische Unternehmen Medgate könnte dem deutschen Gesundheitssystem wertvolle Impulse geben, weshalb das Unternehmen einen Sonderpreis zugesprochen bekommen hat. Was Medgate so besonders macht, beschreibt eine dort angestellte Ärztin folgendermaßen: „Bei Medgate lernt man mit dem Ohr luaga“ – also mit den Ohren die Patienten zu sehen. Medgate ist ein Pionier der Telemedizin. 1999 gegründet, arbeiten heute rund 320 Angestellte, darunter etwa 100 Ärzte, für das Unternehmen, das mit bis zu 5.000 Telekonsultationen pro Tag das größte telemedizinische Zentrum Europas betreibt.

Was in vielen anderen Ländern nur als Zukunftsvision bekannt ist, praktiziert Medgate bereits seit 16 Jahren: die Behandlung von Patienten per Telefon, von der allgemeinen Beratung über Diagnostik, Überweisung bis zur Rezeptierung. Die Ärzte, von denen ein Großteil im Homeoffice arbeitet, sind rund um die Uhr erreichbar, telefonisch oder online. Zur besseren Beurteilung von Haut- und Augenveränderungen können Patienten Bilder der betroffenen Stellen per Mail oder via Medgate-App übermitteln. Wünscht es der Patient, erhält er nach der medizinischen Beratung einen anonymisierten Behandlungsplan per SMS oder E-Mail zugeschickt.

Auch das Rezept kann elektronisch übermittelt und von Online-Versandapotheken direkt per Post zugestellt werden. Natürlich kann der Patient das Medikament auch in vor Ort abholen. In diesem Fall wird das Rezept direkt an die entsprechende Apotheke gefaxt. In über 200 Apotheken haben die Patienten zudem die Möglichkeit, über eine gesicherte Datenverbindung per Video mit einem Medgate-Arzt zu sprechen.