Maya heißen sie, Carlita und Carla, die handlichen, knallorangenen Server-Boxen von Protonet. Dabei wollen sie mehr sein als schnöde Hardware, denn die Geräte sollen dabei helfen, eine Botschaft zu transportieren, und haben sogar eine Art Seele.

Soul ist nämlich der Name des Betriebssystems, das ein wesentliches Element der Server von Protonet ist. Gerade ist die Version 2.4 auf den Markt gekommen, unter anderem mit einer Änderung, die zwar banal erscheint, aber symptomatisch ist für ein junges, wachsendes Unternehmen. Ab sofort siezt die Software ihre Anwender, um damit neuen, konservativen Zielgruppen gerecht zu werden, zu denen das Startup-gemäße „Du“ nicht passt.

Beschleunigt hat den Wandel des 2012 gegründeten Startups eine beispiellos erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne auf Seedmatch. Innerhalb von sechs Tagen konnte Protonet dort im Juni letzten Jahres drei Millionen Euro einsammeln, eine Rekordsumme, mit der die Gründer Ali Jelveh und Christopher Blum in ihren kühnsten Träumen nicht gerechnet hatten. Dabei mussten sie aber auch feststellen, dass Geld nicht alle Probleme löst, sondern manchmal sogar neue schafft. Da jedem Investoren, der mindestens 2.000 Euro angelegt hatte, eine kostenlose Maya, das ist das Einsteigermodell, versprochen worden war, wurden rund 800 der Server extra für sie produziert, und zwar weitestgehend in Handarbeit in den Räumen von Protonet im Hamburger Stadtteil Altona.

Protonet_Server

Die Server von Protonet: links Carla/Carlita, rechts Maya

Dort legt man Wert auf jedes Detail. Das fängt schon bei der Kartonverpackung an, die einerseits so stabil und funktional wie möglich sein soll, andererseits auf Designspielereien wie die Einarbeitung der sechseckigen Form der Maya in die Gestaltung der Pappgriffe nicht verzichten möchte. Gewinne kann man so zurzeit noch nicht machen, trotz der relativen hohen, von manchen Testern als ungerechtfertigt bezeichneten Preise (von 1.399 Euro für das Basismodell bis zu 6.299 Euro für die Carla mit 12 TB). Bei einem Umsatz von knapp einer Millionen Euro machte Protonet 2014 ähnlich hohe Verluste, und auch für 2015 ist nicht mit schwarzen Zahlen zu rechnen.

Inzwischen hat die Serverschmiede über 1.500 Geräte ausgeliefert und beschäftigt rund 40 Mitarbeiter, darunter seit einigen Wochen mit Peter H. Riedel einen Mann mit 25 Jahren Managementerfahrung, der als Chief Sales Officer (CSO) für Marketing und Vertrieb eine andere Arbeitsmethodik in das Startup einbringt und so den notwendigen und unvermeidlichen Wandel zu einem mittelständischen Unternehmen vorantreibt. (Mehr über Protonet auch hier im Monitor der Kollegen von Hamburg Startups).

Dabei scheint für Mitgründer Ali Jelveh der wirtschaftliche Erfolg gar nicht der wesentlichste Faktor bei Protonet zu sein; jedenfalls könnte man diesen Eindruck gewinnen, wenn man sich mit ihm unterhält oder bei seinen öffentlichen Auftritten zuhört. Natürlich preist er die Vorzüge des Betriebssystems Soul, welches so einfach sein soll, dass es die sprichwörtliche Oma bedienen kann. Tatsächlich genügt ein Knopfdruck, und die User können fast unmittelbar anfangen mit dem Programm zu arbeiten, das in vielen Punkten an Social Media-Anwendungen erinnert. Auch die hohen Sicherheitsstandards der Produkte und die Unabhängigkeit von Cloud-Lösungen bei gleichzeitiger Bewahrung der meisten Vorteile, die die Cloud bietet, finden bei jeder Charakterisierung von Protonet Erwähnung.

Die meisten und für ihn selbst wichtigsten Schlagzeilen macht Ali allerdings in der letzten Zeit mit der von ihm ins Leben gerufenen Kampagne FREE YOUR DATA. Hier geht es darum, den Menschen die Hoheit über die von den großen Internetkonzernen oder staatlichen Institutionen eingesammelten Daten zu geben. Niemand ist so naiv zu glauben, irgendwer würde jemals auf das Datensammeln verzichten, aber warum sollte nicht jeder Internetnutzer das Recht haben, diese Informationen über sich zu kennen und gegebenenfalls sogar selbst zu vermarkten? Hier sieht Ali die Politik in der Pflicht und eine Chance für Europa, wobei der Wunsch nach Unabhängigkeit und Transparenz laut einer Umfrage in Amerika sogar deutlich größer ist als bei uns. In diesem Zusammenhang kritisiert Ali auch die hiesigen Medien, die seiner Meinung nach mehr zur Sensibilisierung und Aufklärung beitragen müssten.

Ali Jelveh begründet sein Engagement nicht zuletzt mit seiner Biografie: In den 80er Jahren flohen seine Eltern mit ihm aus dem Iran, aufgewachsen ist der in Hamburg, doch die Erfahrung mit der Diktatur in seiner ursprünglichen Heimat lässt ihn die aktuellen Entwicklungen mit besonderer Aufmerksamkeit beobachten. Gerade erst wurde sein Engagement für FREE YOUR DATA und die damit verbundene Petition auf change.org  belohnt: Für das begleitende Video „The Keynote“ (oben) gab es den Bronzenen Nagel des Art Directors Club für Deutschland (ADC), des wichtigsten Verbandes der Werbebranche. In Kürze wird die Kampagne in einen gemeinnützigen Verein überführt, der sich in Gründung befindet. Der Verein soll mit Vertretern aus Wirtschaft, Politik, Datenschutzexperten und nicht zuletzt den Bürgern den Dialog über die digitale Zukunft eröffnen. Ziel ist es, eine Gesetzesinitiative auf den Weg bringen, die den Umgang mit persönlichen Daten nachhaltig und im Sinne der Verbraucher definiert.

Und wie geht es bei Protonet weiter? Das ist natürlich geheim, aber ein mit Post-its übersätes Whiteboard in den Räumen des Unternehmens ist ein deutliches Zeichen, dass das Team noch so einiges vorhat. Während man auf einen Vertrieb über den deutschen Einzelhandel bisher verzichtet, gibt es inzwischen erste Erfolge bei dem Versuch, auf dem Schweizer Markt Fuß zu fassen. Und auf die Frage, warum das Weltraumepos Star Wars gerade in Startup-Kreisen so beliebt zu sein scheint, antwortet Ali, der Kinoklassiker sei ein moderner Mythos, den fast jeder kenne, und letztlich sei es Ziel eines jeden ambitionierten Unternehmers, mit seiner Marke einen Mythos zu schaffen. Möge die Macht mit ihm sein.

Bild ganz oben: Ali Jelveh mit einer Maya