Wenn ein Automobilhersteller 50 Prozent der Gewährleistungskosten spart oder eine Bank die Kreditausfallquote um über 90 Prozent gesenkt hat, waren sie am Werk: die Münchner Data Scientists der Alexander Thamm GmbH. Das Team ist eine Mischung aus IT-Profis, Statistikern und Betriebswirten – zusammen sind sie die erste echte Data-Science-Beratung in Deutschland. Seit 2012 geht es ihnen darum, Daten zu erfassen, sie zu analysieren und die Unternehmens- bzw. Produktentwicklung mit dem neu gewonnenen Wissen einen großen Schritt nach vorne zu bringen. Über die Hälfte der DAX-30-Unternehmen setzt mittlerweile auf das Startup aus München. Wir haben uns mit CEO Alexander Thamm unterhalten. 

GF: Erläutere unseren Lesern kurz, was Du genau machst?

AT: Alle Lebensbereiche werden heute digitalisiert. Damit werden jede Minute Millionen von Daten generiert – Daten aus denen wir Mehrwerte schaffen. Wir zeigen Unternehmen mit der Analyse von Big Data neue Geschäftsmodelle auf und entwickeln innovative Data Products und Data Services. Und das mit Erfolg: Innerhalb von fünf Jahren ist es uns gelungen, zur führenden Data Science Beratung im deutschsprachigen Raum zu werden. Inzwischen zählt die Hälfte der DAX30 Unternehmen zu unseren Kunden.

GF: Warum hast Du dich entschieden zu gründen und weshalb hast du dich für den Bereich Data Science entschieden?

AT: Es war schon immer mein Traum, ein eigenes Unternehmen zu haben. Mein erstes eigenes Unternehmen war ein Internetcafé, das ich mit 18 neben der Schule gegründet habe. Nach dem Abitur habe ich dann verschiedene Sachen ausprobiert und schließlich das Thema Daten für mich entdeckt. So arbeitete ich 2007 als Werkstudent in der Datenanalyse bei einer IT-Tochter von BMW. Dort hatte ich die Gelegenheit, mit Datamining Pionieren zusammenzuarbeiten.

Das detaillierte Wissen, das mithilfe von Daten generiert werden kann, hat mich von Anfang an fasziniert. Also stieg ich tiefer in die Materie ein, schrieb meine Diplomarbeit in dem Bereich und arbeitete nach meinem Studium als Freelancer für BMW weiter. Doch ich wollte das Thema Data Science in Deutschland allgemein vorantreiben und auch noch andere Unternehmen weiterbringen. Also fasste ich all meinen Mut zusammen, schmiss den lukrativen Job als Freelancer und gründete die Alexander Thamm GmbH.

GF: Ist Dein Start-up eigen- oder fremdfinanziert? Welche Vor- und Nachteile siehst du in der Eigenfinanzierung?

AT: Wir haben keinen Investor oder Fremdkapital, sondern sind bis heute komplett eigenfinanziert. Das ist sicherlich auch eine unserer größten Herausforderungen.

Über 30 Prozent Wachstum jährlich aus eigener Kraft zu stemmen und dabei auch noch profitabel zu sein ist gerade in Deutschland verdammt schwierig – der Staat könnte Start-ups hier wirklich mehr unter die Arme greifen.

Gleichzeitig schätzen wir aber auch die Freiheit und Flexibilität, die wir dadurch bei unseren Entscheidungen haben.

Alexander Thamm GmbH Team Kollegen
Das Team der Alexander Thamm GmbH ©Alexander Thamm GmbH
GF: Für welche Unternehmensform hast Du dich entschieden und warum?

Ich habe eine GmbH gegründet. Eine GmbH ist für mich der optimale Kompromiss in Deutschland zwischen Skalierbarkeit, Administrationsaufwand und Haftungsbeschränkung.

GF: Im Rückblick: Würdest Du vom heutigen Wissenstand aus in der Gründungsphase etwas anders machen?

AT: Das ist eine spannende Frage – ich würde mir vielleicht weniger Sorgen machen und gleich in Panik verfallen, wenn mal etwas nicht läuft. Auf der anderen Seite war es genau diese Panik, die uns immer wieder zur Reflektion und Optimierung gebracht hat. Als Startup kann ein bisschen Paranoia nicht schaden. Jetzt in der Skalierungsphase musste ich eher lernen, die Dinge mal laufen zu lassen, auf meine super Kollegen zu vertrauen und den Kurs beizubehalten.

GF: Welche Tipps kannst Du anderen Gründern geben? Findest Du spezielle Tools besonders hilfreich? Wenn ja, welche und warum?

AT: Hier könnte ich ewig erzählen – ich beschränke mich mal auf 3 Punkte plus Tools:

1. Selbständig erfolgreich zu sein ist zumindest die ersten fünf bis zehn Jahre einfach harte Arbeit. Ich kenne niemandem, bei dem es nicht so war. Die Chancen stehen einfach gegen Euch, dass Ihr es schafft. Es gibt keine Hacks, Nutritions, Netzwerke, Videos, Habits, Tools, Feenstaub oder Vodoozauber, um das abzukürzen.

Wenn Ihr gründet, werdet Ihr wahrscheinlich einige Freunde verlieren, Stress mit Familie und Beziehung haben und weniger Zeit für Eure Hobbies. Seid Euch dessen einfach bewusst.

2. Es ist wichtig, sein Produkt oder seine Dienstleistung schon während der Entwicklung immer wieder am Kunden zu testen und kontinuierlich Feedback zu sammeln. Sonst läuft man Gefahr, zu sehr Fan der eigenen Idee zu werten. Hier kann ich als absolute Pflichtlektüre „Lean Startup“ von Eric Ries und „The Art of the Start“ von Guy Kawasaki empfehlen.

3. Langfristiges Wachstum und Skalierung ist nur möglich, wenn man lernt Aufgaben abzugeben. Hierfür brauchst man ein gutes Team, auf das man sich hundertprozentig verlassen kann. Wenn man wie ich sehr penibel ist, muss man aber auch vertrauen lernen und die Leute einfach mal machen lassen.

An Tools nutzen wir für die interne Kommunikation Slack, für die Steuerung im Unternehmen bin ich mittlerweile großer Fan der Atlassian Suite, vor allem Confluence hat unser Leben deutlich erleichtert – irgendwann hast Du soviel Excel, Powerpoint und Word rumfliegen, dass Du den Überblick verlierst. Für meine persönlichen Tasks nutze ich Trello als Sammelstelle und bin großer Fan vom Notizbuch-Coach Klarheit sowie dem Produktivtätsmethode Froglist.

GF: Der fulminante Aufstieg von Bitcoin ist ja gerade in aller Munde. Was hältst Du vom Thema Bitcoins Blockchain, also der Architektur hinter der berühmten Kryptowährung?

AT: Die Blockchain-Technologie ist für mich einer der wichtigsten Disruptoren, der das Potenzial hat, die gesamte Wirtschaft in den kommenden Jahren nachhaltig zu verändern. Sie ermöglicht es, kostensparend und sicher sensible Informationen zu speichern. Nicht nur Zahlungen und andere Transaktionen lassen sich auf diese Weise völlig neu organisieren. Auf Basis der Blockchain werden Smart Contracts möglich, also Verträge in Form von Computerprotokollen.

In einem intelligenten Vertrag werden Regeln festgelegt, überwacht und bei Einhaltung der Regeln automatisch vorab bestimmte Aktionen ausgeführt – die Gutschrift einer Zahlung, der rechtsgültige Abschluss eines Vertrages, die Änderung eines Eigentumsverhältnisses, die Vergabe eines Kredits und so weiter. Allein im Banken- und Finanzsektor ermöglicht die Blockchain es damit, alle bisherigen organisatorischen, vertragsrechtlichen und sicherheitstechnischen Systeme grundlegend neu zu strukturieren.

GF: Wie schätzt Du die Chancen von Virtual Reality ein? Spielt das bei Deinem Start-up eine Rolle?

AT: Virtual und Augmented Reality finde ich zwei sehr spannende Trends. Bei uns spielt das momentan nur eine indirekte Rolle. In Rahmen der Bilderkennung wird das für uns aber immer interessanter, da hier vor allem Deep Learning – eine spezielle Form des maschinellen Lernens – genutzt wird.

Zwei Freunde von mir haben gerade das StartUp ROOMAR in Berlin gegründet, um den Möbelkauf über Augmented Reality zu vereinfachen. So kann man zum Beispiel ein Foto von seinem Wohnzimmer machen, die bestehende Couch aus dem Bild entfernen und dann eine andere Couch aus dem Online Katalog einfügen und schauen, ob die einem besser gefällt – und das alles in Echtzeit. Möglich wird das unter anderem durch Einsatz von Deep Learning Algorithmen.

GF: Zuguterletzt: Wo siehst Du Dein Start-up in 5 Jahren? Wo soll die Reise hingehen?

AT: Es ist unser Ziel, bis 2025 100 Millionen Umsatz zu erwirtschaften. Um das zu erreichen, ist für uns auch anorganisches Wachstum eine Option. Mir ist es außerdem sehr wichtig, unser Wissen in die Breite zu tragen und unseren Datenkompass als Standard zu etablieren, damit noch mehr Menschen aus Daten echten Mehrwert schaffen.

Letztlich geht es uns darum, Menschen mit Data Science zu helfen.

Zukünftig möchten wir unsere Fähigkeiten auch in der Medizin einsetzen. In der Krebsforschung wird Machine Learning beispielsweise eingesetzt, um Tumore frühzeitig und zuverlässig zu identifizieren. Aber unabhängig davon, was wir in fünf Jahren genau machen werden und wie viele Leute wir bis dahin sein werden – wichtig ist mir, dass wir weiterhin unseren Spirit leben und uns das „Startup Feeling“ auch zukünftig erhalten bleibt.

GF: Vielen Dank für dieses Interview und weiterhin viel Erfolg!

Weitere Gründer-Interviews findet ihr bei Gruenderfreunde.de hier.

Titelbild: CEO Alexander Thamm vom gleichnamigen Münchner Startup.