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Europas Sextech-Industrie erfreut sich seit Ausbruch der Corona-Pandemie einem großen Ansturm. Von Sextoys zu Apps und weiteren Diensten steigt die Nachfrage europaweit. Ein Viertel der Welt befindet sich momentan in einem Lockdown – viele Menschen haben mehr Zeit als zuvor, dafür aber weniger Möglichkeiten zur Freizeitbeschäftigung. Die Folge: Sie suchen unbewusst nach Wegen, ihr Belohnungszentrum zu aktivieren. Einige tun dies über Essen, andere über Binge-Watching auf Netflix, Amazon Prime, Disney Plus & Co. – andere eben über Sex.

Während US-Giganten wie Pornhub einen Anstieg von 13,7 Prozent im März verzeichnen, erzielen auch Startups und kleine Unternehmen Gewinne.

Sextech-Händler

Viele Sextech-Händler freuen sich über die aktuelle Experimentierfreudigkeit, die für erhöhte Umsätze sorgt. 

So verdoppelte die Sexspielzeugfirma MySecretCase in Italien in den Tagen nach der Sperrung der Regierung ihren Umsatz.

“Um die Quarantäne sowohl alleine als auch zu zweit zu genießen, musste das ganze Land neue Strategien finden”, äußert sich Gründerin Norma Rossetti dazu.

Gründerin von MySecretCase: Norma Rossetti

Amorana, ein 2014 in Zürich gegründeter Schweizer Einzelhändler, verkauft Sexspielzeug und Accessoires an Kunden in ganz Deutschland, Frankreich und Großbritannien.

Laut Mitbegründer Alan Frei stiegen die Besuche im März um 123 Prozent (im Vergleich zum Vorjahresmonat) und führten zu einer Umsatzsteigerung von 79 Prozent

“Für viele Menschen sind dies schwierige Zeiten”, sagt Frei. Trotzdem seien gerade diese Umstände gut dazu, um die eigene Sexualität zu erforschen.

Gründer von Amorana: Lukas Speiser und Alan Frei

Selbst alteingesessene Brands wie das schwedische Unternehmen Lelo (gegründet 2002 in Stockholm) waren von dem Anstieg des Interesses überrascht. So stieg der Site-Traffic um 48 Prozent und der Umsatz um 56 Prozent

“Dies ist sogar um 7,7 Prozent höher als in der letzten Weihnachtszeit, die im Allgemeinen unsere geschäftigste Handelsperiode ist”, meint Stuart Nugent, Brand Manager von Lelo.

Neben dem wachsenden Handel hat der Traffic zum Lelo-Blog Volonté um 55 Prozent zugenommen. “Die Leute kaufen bei Lelo nicht nur Sexspielzeug. Sie suchen auch nach Informationen und Anregungen, Tipps und Tricks, die sie ausprobieren können, während sie ans Haus gebunden sind”, sagt Nugent.

Das Unternehmen Funfactory machte online etwa allein in den letzten zwei Märzwochen 66 Prozent mehr Umsatz

„In der letzten Woche haben wir sogar 106 Prozent mehr Toys an unsere Privatkunden verkauft als in der Vergleichswoche 2019“, sagte eine Sprecherin zu Business Insider Anfang April.

Laut Business Insider verdoppelten sich zeitgleich zum Ausbruch der Corona-Pandemie auch beim Onlineshop Eis.de die Bestellzahlen. Der 23. März war der stärkste Verkaufstag der Eis-Firmengeschichte.

Zu den Gewinnern gehört ebenfalls der Onlineshop Amorelie. Vor allem bei Partner-Toys sei ein höherer Bedarf zu verzeichnen: Etwa 50 Prozent mehr ferngesteuerte Vibratoren werden verkauft als zuvor. Diese lassen sich über eine App von Partnern in unterschiedlichen Städten über eine sehr weite Distanz bedienen. Die Nachfrage nach Set-Boxen, wie die “14 Days Sex Life Challenge”, stieg ebenfalls um 65 Prozent

Die Zweisamkeit scheint überdurchschnittliche Auswirkungen auf das Leben im Bett zu haben, weshalb der Verkauf der 100er-Kondom-Packungen auf eine pro Haushalt vom Eis-Onlineshop limitiert werden musste. Auch Gleitmittel stehen hoch im Kurs.

Überraschend: Vor allem in Bundesländern, in denen die Menschen aufgrund strenger Ausgangssperren ans Zuhause gebunden sind, ist der Kauf von Solo-Sexartikeln besonders angestiegen. Über Eis.de wurden 300 Prozent mehr Masturbatoren für Männer und Satisfyer Druckwellen-Toys für Frauen in Bayern verkauft. Ein Beweis dafür, dass die Menschen unter Einsamkeit leiden?

„In wirtschaftlich turbulenten Zeiten stellt man größere Ausgaben zurück und gönnt sich eher kleinere Luxus- oder Genussgüter — die einen kaufen sich einen teuren Lippenstift, die anderen eben einen Vibrator oder Dessous”, erklärt eine Sprecherin des Onlineshops Orion diese Entwicklung. Ergo: Nicht nur das Interesse nach Sextoys und Co. steige, sondern die gesamte Nachfrage, die Onlineshops derzeit verzeichnen. 

Die gesamte Nachfrage, die Onlineshops verzeichnen, steigt? Laut Bundesverband für E-Commerce und Versandhandel freuen sich derzeit Lebensmittel, Drogeriewaren, Medikamente und Do-it-yourself- beziehungsweise Baumarkt-Sortimente über deutlichen Zuwachs. Was ist mit den anderen Branchen? “Im März 2020 brach der Umsatz über alle Kategorien hinweg um 18,1 Prozent ein. Das Bekleidungssegment stürzte sogar um mehr als 35 Prozent ab. Unterhaltungselektronik zeigte ein Minus von 20,9 Prozent, Computer und Zubehör verzeichnete trotz der Ausgaben für Homeoffice-Lösungen einen Rückgang um 22,7 Prozent”, erläutert der bevh. Die Annahme, dass der gesamte Online-Markt ein Plus verzeichnet, ist ein Trugschluss: Es hat sich lediglich das Medium vom analogen Einkaufen auf das digitale Einkaufen verlagert.

Nicht so im Wirtschaftszweig, in dem Waren und Dienstleistungen für den Bereich der Sexualität produziert und angeboten werden, wie die vielen Beispiele europäischer Firmen aus dieser Branche zeigen. So habe sich sogar laut vieler Händler das Interesse der Kunden an Sexualthemen ausgedehnt. Auf den Profilen der Shops auf Social Media wird vermehrt nach Tipps und Inhalten gesucht, viele Fragen werden gestellt. 

Lina Gralka, Brand-Managerin bei Amorelie berichtet: „Wir bekommen derzeit sehr viele Nachrichten, die sich um die Auswirkungen von Corona auf das persönliche Befinden oder Beziehungen drehen.“ Besonders Artikel zu Themen wie Telefonsex seien aus dem Unternehmensmagazin höher nachgefragt als sonst.

Erotische Apps

Emjoy, eine erotische Audioguide-App aus Spanien, verzeichnete seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen einen Anstieg der Downloads um 45 Prozent und eine Zunahme der Nutzung um 160 Prozent, so das Unternehmen.

Gründerin von Emjoy: Andrea Oliver Garcia

„Soziale Distanzierung kann für unsere Gesundheit eine große Herausforderung sein, insbesondere wenn es um unser natürliches menschliches Bedürfnis nach Berührung geht. Selbstisolation kann eine großartige Gelegenheit sein, sich wieder mit dem eigenen Körper zu verbinden und diesen zu erforschen “, erklärt Geschäftsführerin Andrea Oliver Garcia.

Das Londoner Unternehmen Ferly sowie das Münchner Startup Beducated verzeichneten ebenfalls einen Anstieg in Nutzung und Downloads. Beide Unternehmen bestehen seit 2018.

„Grundsätzlich sind alle relevanten Kennzahlen verfügbar. Wir erkennen zunehmenden Traffic, da die Menschen zu Hause sind und nach persönlicheren und intimeren Themen suchen als bei der Arbeit “, äußert sich Mariah Freya zu der derzeitigen Lage. Sie ist die Gründerin von Beducated.

Gründer von beducated: Phil Steinweber und Mariah Freya

Die Beducated-App bietet Online-Kurse mit dem Slogar “Sexual Happiness is Trainable” an. Vor allem Studenten interessieren sich dafür. Nach Angaben des Unternehmens gab es 189% mehr Aktivitäten. Das Verhalten hat sich auch in Richtung Binge-Watching verschoben, wobei der Kursabschluss im März um 57 Prozent höher war als im Februar. Sind das Auswirkungen des Corona-Lockdowns oder der beginnenden Frühlingsgefühle?

Inzwischen sind die täglichen Downloads von Ferly um 65% gestiegen. Billie Quinlan sagt, dass die Angst vor Coronaviren die Benutzerpräferenzen beeinflusst. “Content-Sessions wie “Self-Compassion” und “Bodies and Boundaries” übertreffen die erotischen Geschichten und geführten Masturbationen, wenn Menschen versuchen, die Auswirkungen des Coronavirus auf ihre Beziehungen zu steuern”, sagt sie.

Gründerinnen von ferly: Billie Quinlan und Anna Hushlak

Sexuelles Wohlbefinden

Nicht-Tech-Startups im Bereich Sexual Wellness verzeichnen ebenfalls einen Anstieg des Interesses

Hanx, eine britische Kondommarke, die 2017 gegründet wurde, verzeichnete laut Mitbegründer Farah Kabir während der Pandemie einen Anstieg des Online-Umsatzes um 117 Prozent.

“Unser durchschnittlicher Korbwert für den Monat ist um 39 Prozent gestiegen, was darauf hindeutet, dass die Leute Großeinkäufe tätigen in der Hoffnung, einen Corona-Babyboom zu vermeiden”, sagt Kabir. “Es gab auch Neuigkeiten über Engpässe und mangelnden Zugang zu hormonellen Verhütungsmitteln wie der Pille, einschließlich der Notfall-Verhütungspille.”

An anderer Stelle hat ein israelisches Startup namens Aquafit einen Gelstift entwickelt, mit dem Frauen den schmerzhaften Verkehr lindern können. Mitbegründerin Rebecca Sternberg sagt, dass das Unternehmen die Einführung seiner Produktlinie aufgrund des Ausbruchs des Coronavirus zunächst verzögert habe. Nun rechne es aber mit einem wachsenden Interesse an sexuellem Wohlbefinden. „Wir werden diese Veränderungen nutzen, um intime Wellnessprodukte und -dienstleistungen direkt an Frauen zu bringen“, meint sie.

Gründerinnen von aquafit: Rebecca Sternberg, Varda Messer und Vered Italiano

Auswirkungen von Corona auf das Sexualverhalten

Sowohl die derzeitige Angst als auch die viele freie Zeit, die Zuhause verbracht wird, kann ein ausgeprägtes Sexualverhalten der Europäer in Zeiten der Corona-Pandemie begünstigen. Ob sich dies tatsächlich an der gestiegenen Nachfrage im Wirtschaftszweig, in dem Waren und Dienstleistungen für den Bereich der Sexualität produziert und angeboten werden, wirklich eins zu eins ablesen lässt, ist natürlich nicht vollkommen sicher. Trotzdem lassen die Daten darauf schließen, dass Corona im Zuge der Isolierung das Bedürfnis nach körperlicher Nähe steigen lässt und den Drang nach Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper auslöst.

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