Das OMR Festival hat sich in den vergangenen Jahren von einer Marketingmesse zu einer der einflussreichsten Plattformen der deutschen Digitalwirtschaft entwickelt. Die diesjährige Ausgabe in Hamburg lieferte weniger Spektakel als vielmehr eine nüchterne Bestandsaufnahme: Künstliche Intelligenz, digitale Souveränität und die Frage nach europäischer Wettbewerbsfähigkeit standen im Zentrum der Diskussionen. Für Gründerinnen, Gründer und Entscheider im Mittelstand lassen sich daraus klare strategische Ableitungen treffen.
Eckdaten des Festivals
Vom 5. bis 6. Mai 2026 fand das OMR Festival zum 15. Mal auf dem Hamburger Messegelände statt. Die Veranstalter zählten rund 70.000 akkreditierte Besucherinnen und Besucher; einschließlich der begleitenden Side-Events kamen etwa 85.000 Teilnehmende nach Hamburg. Mehr als 1.000 Aussteller und Partner waren vertreten, über 800 Referentinnen und Referenten traten auf den verschiedenen Bühnen auf.

Bemerkenswert ist die zunehmende Internationalisierung: Über 20 Prozent der Gäste reisten aus Ländern außerhalb der DACH-Region an – der höchste Wert in der Geschichte der Veranstaltung. Für deutsche Unternehmen, die europäische Märkte adressieren wollen, gewinnt das Festival damit auch als Netzwerkforum jenseits des Heimatmarkts an Bedeutung.
Künstliche Intelligenz: Vom Werkzeug zum eigenständigen Agenten
Künstliche Intelligenz war 2026 nicht länger ein explorativer Trend, sondern bestimmender Bezugsrahmen nahezu aller Diskussionen. Die zentrale These vieler Beiträge: Der Übergang von reaktiven Sprachmodellen zu agentischen Systemen, die Aufgaben eigenständig anstoßen und ausführen, steht unmittelbar bevor.
Nick Turley, Head of ChatGPT bei OpenAI, beschrieb diese Entwicklung als Paradigmenwechsel hin zu einer Assistenzlogik, in der nicht mehr der Nutzer das System anweist, sondern das System den Nutzer adressiert. Für unternehmerische Anwendungen – von der Vertriebsautomatisierung über das Wissensmanagement bis hin zur Buchhaltung – impliziert dies eine grundlegende Neubewertung bestehender Prozessarchitekturen.
Turley bestätigte zudem, dass Deutschland inzwischen den größten europäischen Markt für ChatGPT darstellt und bei zahlenden Abonnenten sowie wöchentlich aktiven Nutzern weltweit zu den drei stärksten Märkten zählt. Die Zahlungsbereitschaft deutscher Privat- und Geschäftskunden für KI-gestützte Anwendungen ist demnach signifikant höher, als die häufig vorgetragene Klage über deutsche Technologieskepsis vermuten lässt.
Bundesdigitalminister Dr. Karsten Wildberger ordnete das Thema politisch ein. Künstliche Intelligenz sei für Deutschland die Gelegenheit, industrielle Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen. Die strukturellen Voraussetzungen – Forschungslandschaft, technisches Talent, industrielle Anwendungsfelder.
Datensouveränität als strategischer Faktor
Eine der substantielleren Analysen lieferte Rolf Schumann, Co-CEO von Schwarz Digits. Seine Einordnung der globalen Datenordnung: In der Volksrepublik China seien Daten staatliches Verfügungsgut, in den Vereinigten Staaten privatwirtschaftliches Eigentum, in Europa hingegen weitgehend in der Hand der Bürgerinnen und Bürger. Daraus leitete er ein strategisches Argument ab, das über die übliche Souveränitätsrhetorik hinausgeht: KI-Modelle seien zunehmend austauschbar, der eigentliche Wert liege in den Trainings- und Anwendungsdaten. Europäische Anbieter, die Dateninfrastruktur und Plattformen mit einem klaren Compliance-Rahmen entwickeln, verfügen damit über einen strukturellen Vorteil, der sich nicht ohne weiteres replizieren lässt.

Meredith Whittaker, Präsidentin der Signal Foundation, ergänzte die Diskussion um eine kritische Perspektive auf die Risiken zunehmend autonomer KI-Systeme. Insbesondere der Umgang mit personenbezogenen Daten durch Agentensysteme, die im Auftrag der Nutzer mit Dritten interagieren, berge erhebliche Sicherheits- und Datenschutzrisiken. Für anbietende Unternehmen folgt daraus, dass Datenschutz, Datenresidenz und nachvollziehbare Governance-Strukturen zunehmend zum vertrieblichen Differenzierungsmerkmal werden – nicht erst auf Druck der Aufsichtsbehörden, sondern aus Kundenanforderung.
Politische Standortbestimmung und Wachstumsfinanzierung
Finanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil nutzte seinen Auftritt für eine wirtschaftspolitische Positionierung. Europa müsse seine digitale Zukunft eigenständig gestalten und sich aus der Abhängigkeit von Entscheidungen in Washington, Peking oder Moskau lösen. Die Richtung der KI-Entwicklung dürfe nicht einzelnen Akteuren überlassen werden.
Interessant war auch die Ankündigung, die Finanzierung von Scale-ups stärker in den Blick zu nehmen. Damit adressierte Klingbeil eine seit Jahren diagnostizierte Schwachstelle des deutschen Startup-Ökosystems: das Fehlen ausreichender Wachstumsfinanzierung jenseits der Frühphase. Während Seed- und Series-A-Runden in Deutschland mittlerweile in akzeptabler Breite verfügbar sind, weichen viele Unternehmen oft später in andere Märkte aus oder werden vorzeitig übernommen.
Strategische Ableitungen für Gründerinnen und Gründer
Aus den Diskussionen des Festivals lassen sich vier Beobachtungen ableiten, die für die strategische Planung relevant sind.Erstens verändert die Verschiebung von reaktiver zu agentischer KI die Produktlogik vieler Anwendungen grundlegend. Wer derzeit Software entwickelt oder einführt, sollte prüfen, ob bestehende Workflows als proaktive Agenten neu konzipiert werden können. Die Veränderung betrifft sowohl die Architektur als auch das Pricing entsprechender Lösungen.
Zweitens entwickelt sich die Einhaltung europäischer Datenschutzstandards vom regulatorischen Hygienefaktor zum vertrieblichen Argument. Anbieter, die Datenresidenz, Auditierbarkeit und Datenschutz nachweislich gewährleisten, verfügen insbesondere im Geschäftskundensegment über einen messbaren Vorteil gegenüber außereuropäischen Wettbewerbern.

Drittens etabliert sich Hamburg während des OMR-Festivals als europäischer Treffpunkt. Mit einem internationalen Besucheranteil von über 20 Prozent wird das Format zu einer kosteneffizienten Gelegenheit, europäische Partner, Investoren und potenzielle Kunden zu adressieren, ohne dafür nach London oder Lissabon reisen zu müssen.
Viertens ist die politische Aufmerksamkeit für das Thema Wachstumsfinanzierung höher als in den vergangenen Jahren. Gründerinnen und Gründer, die mittelfristig Series-B- oder Wachstumskapital einwerben wollen, sollten den Dialog mit Verbänden und politischen Entscheidungsträgern aktiv suchen, um die Ausgestaltung möglicher Instrumente mitzuprägen.
Rahmenprogramm und gesellschaftliche Bezüge
Neben dem inhaltlichen Programm bot das Festival das gewohnte Spektrum an Markeninszenierungen großer Konzerne wie Porsche, Google, Meta und Amazon sowie ein umfangreiches Begleitprogramm in der gesamten Stadt. Tom Brady und Heidi Klum sorgten für die mediale Aufmerksamkeit jenseits der Fachöffentlichkeit. Bemerkenswert war der Auftritt von Wladimir Klitschko, der die Teilnehmenden daran erinnerte, dass die Ukraine trotz aller wirtschaftlichen Themen weiterhin internationaler Aufmerksamkeit bedarf – ein Hinweis, der zeigte, dass auch eine Branchenveranstaltung größere politische Zusammenhänge nicht ausblendet.
Ausblick auf OMR27
Die Veranstalter haben den nächsten Termin bereits bestätigt: Das OMR Festival 2027 findet vom 3. bis 5. Mai 2027 in Hamburg statt und wird erstmals auf drei Tage ausgeweitet. Der Vorverkauf zu vergünstigten Konditionen ist bereits eröffnet.
Die Bilanz der diesjährigen Ausgabe fällt eindeutig aus: Die zentralen Themen der deutschen und europäischen Digitalwirtschaft – künstliche Intelligenz, Datensouveränität, Regulierung und Wachstumsfinanzierung – werden nicht länger getrennt verhandelt, sondern als zusammenhängender Komplex. Hamburg hat sich als der Ort etabliert, an dem diese Verhandlung sichtbar geführt wird.






