Im Gespräch mit Philipp Kadelbach von Flightright

Vom Anwalt zum Kampf für Fluggastrechte und damit Startup-Gründer: Wir haben uns sehr ausführlich mit Philipp Kadelbach von Flightright unterhalten und uns entschlossen das interessante Gespräch in voller Länge zu veröffentlichen.

Gründerfreunde: Hallo Philipp, bitte erzähle uns etwas zur Entstehungsgeschichte.

Philipp Kadelbach: Ich bin Rechtsanwalt und habe diesen Beruf auch 10 Jahre ausgeübt, dabei hatte ich schon immer eine hohe Empathie für Verbraucherschutzthemen. Ich habe auch in diesem Bereich promoviert. Im Job angekommen, fand ich es dann immer etwas schade, dass man als Rechtsanwalt so wenig unternehmerisch tätig ist bzw. auf eine andere Art.

Die Idee zu Flightright kam, als ich für einen Gerichtstermin nach Amsterdam geflogen bin. Der Flug war extrem verspätet sowie auch der Rückflug. Ich habe mir die Rechte angeschaut und festgestellt, dass das ein sehr interessantes Stück Verbraucherschutz ist, bei dem man sehr klare Ansprüche hat. Man bekommt 250, 400, 600 Euro, abhängig von der Strecke und der Verspätung und es war mir klar, dass Airlines diese Regelung nicht mögen können, weil es Ihnen letztlich zu Lasten der Profite geht. Ich habe dann probiert als Anwalt selbst meine Ansprüche durchzusetzen und habe gemerkt, dass es schwierig ist.

Es schien alles extrem aufwendig: Eine Klageschrift zu formulieren und diese dann in den Niederlanden zustellen zu lassen. Ich dachte mir, wenn ich schon als Anwalt diese Zweifel habe, wie muss es dann den vielen Verbrauchern da draußen gehen? 2010 wurden die Ansprüche von fünf Millionen Fluggästen durchweg abgelehnt. Ich fragte mich: Was muss passieren, um diese vielen Verbraucher auf Augenhöhe mit den Rechtsabteilungen der Fluggesellschaften zu bringen?

Wir haben das Ganze dann erstmal als Nebenprojekt gestartet. Mein Mitgründer, der damals am Hamburger HWWA geforscht hat und ich als IT-Anwalt, haben uns eine Landing-Page bauen lassen, um herauszufinden, ob wir es schaffen erst einmal 100 Kunden zu begeistern. Heute wird man dazu wahrscheinlich “MVP” sagen. Dann passierte die Aschewolke und wir hatten sehr schnell diese ersten 100 Kunden. Sieben Jahre später haben wir erfolgreich über 100 Millionen Euro an Forderungen gegen Airlines durchgesetzt und mit unserem Modell den Markt verändert. Wir haben über 60.000 Mal geklagt, allein in Rüsselsheim mussten wegen uns drei neue Richterstellen geschaffen werden. Wir gewinnen die Fälle vor Gericht mit einer Quote von 98%. Damit haben wir unheimlichen Druck auf die Airlines gemacht und die Fluggäste mit unserem Modell auf Augenhöhe gebracht.

Gründerfreunde: Gab es also gar keine Stolpersteine? Ging es mit der Aschewolke direkt durch die Decke?

Philipp Kadelbach: Es gab ganz, ganz viele Stolpersteine. Der größte Stolperstein oder das größte Risiko, was uns auch schlaflose Nächte bereitet hat, war die Frage: Kann das Geschäftsmodell wirtschaftlich funktionieren? Kann dieser Machtkampf David gegen Goliath irgendwie ausgehen? Das war die zentrale Frage.

WENN ICH ALS ANWALT DIESE ZWEIFEL HAttE, WIE MUSS ES DANN DEN VIELEN LEUTEN DA DRAUSSEN GEHEN?

Am Anfang haben die Airlines wirklich versucht uns am langen Arm verhungern zu lassen. Das bedeutete, dass sie, obwohl sie wussten, dass wir berechtigte Ansprüche hatten, uns nie direkt bezahlt haben, also nicht ohne gerichtliches Verfahren. Wir mussten teilweise zwölf Monate auf Geld warten und auch noch Anwalts- und Gerichtskosten zahlen. Alles war recht Cashflow intensiv und wir haben die ersten eineinhalb Jahre kaum Umsatz gesehen. Wir hatten zwar viele Fälle, was sich aber monetär nicht reflektiert hat. Das war schwierig, da musste man ein gesundes Grundvertrauen in den eigenen Ansatz haben. Es gab Momente, die sehr anstrengend waren, weil man etwas aufbaut und natürlich viel Herzblut, Zeit und Energie investiert und wenn du dann nicht weißt, ob das klappt, das zehrt schon an den Nerven. Da braucht man Vertrauen in sich, in die Idee und ja, ein Stück weit Gottvertrauen.

Gründerfreunde: Wo geht die Reise nach sieben Jahren hin? Gibt es viele Mitbewerber?

Philipp Kadelbach: Es sind im Laufer der Jahre diverse Mitbewerber entstanden. Das ist vor allem Airhelp, die haben eine andere Route verfolgt als wir. Wir wollten und wollen aus dem Cashflow profitabel wachsen.

IN SCHWIERIGEN MOMENTEN BRAUCHT MAN VERTRAUEN IN SICH, IN DIE IDEE UND JA, EIN STÜCK WEIT GOTTVERTRAUEN.

Gründerfreunde: Das ist natürlich immer der Punkt, entweder man setzt auf das Revenue-Modell und möchte direkt profitabel sein oder man baut etwas Internationales auf und baut auf Investoren, um so immer weitere Runden zu „raisen.“ Ihr seid also eher dem Revenue-Modell gefolgt?

Philipp Kadelbach: Naja, als Jurist ist man nicht automatisch ausgebildet worden, um im klassischen Sinne “Gründer” zu werden. Also erschien es mir durchaus logisch und richtig, dass es per se nicht schlecht ist, ein Unternehmen darauf auszurichten, dass es Geld verdient. In der Retrospektive hätte ich mir vielleicht doch gewünscht, einen noch stärker auf Growth-fokussierten VC an Bord gehabt zu haben. Wir sind aber dem Land Brandenburg auch dankbar, dass es uns als halbstaatlicher Fond in einer sehr frühen Phase unterstützt hat, zu der wenige an ein Legaltech-Modell geglaubt haben, in dem wir gegen eine 100 Milliarden Dollar-Industrie bestehen mussten.

Gründerfreunde: Ist das denn noch geplant?

Philipp Kadelbach: Wir sind profitabel und brauchen in unserem Kerngeschäft kein Venture Capital. Im Hinblick auf Erweiterungen unserer Produktportfolios auf Grundlage unserer Legaltech-Plattform könnte eine Zusammenarbeit mit Finanzinvestoren perspektivisch interessant sein.

Charmant für uns ist, dass es nach sieben Jahren Legaltech bei Flightright, jetzt ein Momentum in dem Thema insgesamt gibt. Wir haben eine sehr technische und tiefe Legaltech-Infrastruktur gebaut und in gewisser Weise auch den Weg für andere Startups in diesem Bereich geebnet. Es hat wohl keiner so viel Erfahrung und erzielt so viel Umsatz wie wir. Das ist ein natürliches Sprungbrett für andere Geschäftsmodelle, sei es im Bereich Automotive, Rent oder Insurance.

Gründerfreunde: Ist die Adaption eures Geschäftsmodells auf andere Bereiche ein Thema?

Philipp Kadelbach: Das ist immer ein Thema, seit drei oder vier Jahren denken wir darüber nach und bewerten immer wieder Themen, wobei wir auch in unserem Kerngeschäft noch weiter wachsen können und das auch wollen. Wenn man etwas Neues machen will ist man mit knapp 100 Leuten im Team auch schon ein bisschen “Corporate”. Man muss neue Sachen also in kleineren autonomen Einheiten machen, sonst läuft man Gefahr die Geschwindigkeit zu verlieren, die man für neue Sachen braucht.

Gründerfreunde: Du hast vorhin externe Probleme angesprochen. Was gab es für interne Probleme?

Philipp Kadelbach: Wir haben in den Anfangsjahren teilweise zu Junior eingestellt und rückblickend hätten wir damals wahrscheinlich ein bisschen mehr Geld in die Hand nehmen sollen, um dafür auch erfahrene Mitarbeiter zu bekommen.

Gründerfreunde: Gibt es Themen, die dich außerhalb von Legaltech momentan interessieren?

Philipp Kadelbach: Privat oder beruflich?

Gründerfreunde: Beides!

Philipp Kadelbach: Privat ist die sogenannte Work-Life-Balance ein Thema, mit dem man sich als Gründer beschäftigt. Ich habe zwei Kinder und eine Frau. Ein Startup ist genauso ein Baby wie meine Kinder zu Hause. Das zu vereinbaren ist nicht immer leicht. Deshalb habe ich nach fünf Jahren ein Sabbatical gemacht in Südafrika. Wir waren tagsüber Surfen und ich hatte einfach Zeit für meine Familie, das hat mich auch geschäftlich auf ein neues Level gehoben. Das hat mir geholfen, die Batterien wieder aufzuladen und voll motiviert und mit frischer Energie, neue Themen im Unternehmen voranzutreiben.

MAN MUSS NEUE SACHEN IN EINER KLEINEREN AUTONOMEN EINHEIT MACHEN, SONST VERLIERT MAN SCHNELL AUCH DIE GESCHWINDIGKEIT, DIE MAN FÜR NEUE SACHEN BRAUCHT.

 

Was ich sonst spannend finde? Autonomous Driving. Besonders die Legaltech- Komponente, die da perspektivisch drinsteckt, fasziniert mich. Ich bin sehr beeindruckt von Legaltech an sich. Natürlich auch vom Silicon Valley, so platt das klingt. Die großen Firmen wie Airbnb oder Amazon, was die machen, wie die denken, da kann man als deutscher Gründer viel lernen.

Gründerfreunde: Der deutsche Markt ist ja etwa konservativ. Die Deutschen zahlen z. B. ungern mit Kreditkarte. Außerdem ist das Thema Scheitern in Deutschland extrem schwierig, eine Kultur der 2. Chance fehlt. Wie siehst du das?

Philipp Kadelbach: Generell ist ein Umdenken erforderlich. Da ist dieser Makel, dass mal irgendwas nicht geklappt hat. Auch wenn ich selber in der Retrospektive sagen muss, dass ich, als wir diese Phase hatten, in der Flightright einen Monat später hätte tot sein können, das Scheitern natürlich nicht als besonders attraktiv empfand.

Ich weiß aber natürlich nicht, weil wir nicht gescheitert sind, was ich rausgezogen hätte, wenn wir gescheitert wären. Was ich attraktiv und toll finde, sind Serial Entrepreneurs, die es schon zwei oder drei Mal gemacht haben. Man kann sein ganzes Wissen und seine Fehler nehmen, aber auf einem weißen Blatt anfangen. Man weiß viel genauer, viel spezieller, was man tun muss, mit wem man sprechen muss – da hätte ich auch noch mal Lust drauf. Das Gleiche kann auch zutreffen, wenn man gescheitert ist. Man hat sicher erst mal ein leichtes Selbstvertrauens-Problem, aber wenn man darüber hinwegkommt, macht man die Fehler vielleicht nicht nochmal. Wenn man lernt damit umzugehen, dass es einmal nicht geklappt hat und nicht aufgibt.

DAS THEMA WORK-LIFE-BALANCE IST DAMIT JEDOCH KEINESFALLS ABGESCHLOSSEN, ES BEGLEITET MICH STÄNDIG.

Gründerfreunde: Aus deiner Sicht als Anwalt, wo müsste die Politik aktiv werden?

Philipp Kadelbach: Wir sind als Legaltech in einem sehr regulatorischen Umfeld, in dem auch die Anwaltskammern und die Verbraucherzentralen tendenziell etwas reaktionär sind. Alles was neu ist, ist potentiell gefährlich, man will alles verbieten. Das sieht man ja bei allen Airbnb, Uber, da würde ich für mehr Liberalisierung plädieren. Wenn man das auf die Szene an sich bezieht, sollte man alles mehr digitalisieren und damit unbürokratischer gestalten, das würde mehr Wachstum ermöglichen und allen helfen.

 Gründerfreunde: Ist die Blockchain-Technologie da eine Chance?

Philipp Kadelbach: Ich glaube, dass die Blockchain-Technologie kommen wird, aber nicht disruptiv, sondern allmählich. Es ist ein Hype-Thema. Alle fragen sich, was könnte man denn mit Blockchain machen? Ich glaube, man muss eher vom Anwendungscase kommen, nach dem Motto: das Problem habe ich, wie könnte man das lösen? Da könnte die Blockchain-Technologie helfen, aber ich glaube nicht, dass es der Allheilsbringer sein wird.

Gründerfreunde: Besitzt du Bitcoins?

Philipp Kadelbach: Bei Flightright habe ich immer gesagt, dass wir Bitcoins anbieten sollten. Meine Mitarbeiter sagten immer, das sei zu unseriös. Dann waren wir auf unserem alljährlichen Sommercamp in Griechenland, wir packen einmal im Jahr alle Mitarbeiter ein und fahren weg, und ich habe um einen Bitcoin gewettet, dass ich auf einen ca. 1 km entfernten und 900 Meter hohen Berg steigen kann, was man zugegebenermaßen als etwas zu ambitioniert bezeichnen könnte.

Ich kam jedenfalls in 13 Minuten hoch, nur leider bin ich am Rückweg gescheitert. Der war total steil, das war Free-Climbing und ich bin in der Felswand hängen geblieben. Ich habe meine Wette also verloren und löse meine Schulden auch ein, nur stand der Bitcoin damals bei 500 Euro und heute sind es 4.000 Euro. Ich wollte was Gutes tun und habe durch die Steigerung des Bitcoins einen finanziellen Verlust erlitten, den ich aber gerne demnächst einlöse.

Gründerfreunde: Ist es also denkbar, dass ihr Bitcoin als Zahlungsmittel aufnehmt?

Philipp Kadelbach: Total. Gerade die Abwicklungsprozesse mit den Airlines, dafür wäre Bitcoin oder auch Blockchain, das lässt sich ja gut kombinieren, perfekt. Wir haben standardisierte Prozesse. Wir haben den Anspruch, die Airline kann sagen, das akzeptieren wir, und man könnte die ganzen Prozesse dahinter über Smart Contract automatisch abwickeln. Das wäre für alle interessant. Die Transaktionskosten würden deutlich reduziert und die Sicherheit wäre noch stärker garantiert. TUI hat auch gesagt, dass sie das Thema angehen wollen. Gerade auf diesem Wege könnten wir uns vorstellen, da mit TUI mal was zu machen.

Gründerfreunde: Was passiert an Innovationen derzeit schon bei euch?

Philipp Kadelbach: Wir haben ein cooles neues Produkt, bei dem man sein Geld in acht Minuten auf dem Konto hat. Das ist AI basiert, ein extrem komplexes Analytics-Modell, das wir gebaut haben. Aus den verschiedenen Datenpunkten, wenn jemand z. B. nur Flugnummer und Tag eingibt, können wir direkt erkennen, ob der Flug hohe Erfolgschancen hat. Ist das so, bieten wir dem Kunden an, dass wir ihm den Anspruch direkt abkaufen. Darauf folgt ein Video Identifikationsverfahren namens IDnow, sodass wir wissen, mit wem wir es zu tun haben und fertig – das rechtliche Problem des Kunden ist innerhalb von acht Minuten gelöst, sein Geld auf dem Paypal-Konto. Das ist für mich als Jurist der Holy Grail. Da haben wir das Thema – Recht haben und Recht bekommen – gelöst. Das ist ein cooles Produkt, auf das ich sehr stolz bin, das wir demnächst skalieren wollen.

Gründerfreunde: Der Flugbetrieb bietet den Kunden noch viel Frustration, welche Entwicklungen siehst du in diesem Bereich?

Philipp Kadelbach: Sehr interessant ist, dass man kaum Wettbewerb zwischen den Airlines auf der Ebene der Kundenerfahrung sieht. Air Berlin hätte die Chance gehabt sich wie die BVG ironisch zu zeigen, zu sagen, wir sind Berlin, wir fliegen nicht pünktlich, aber wir sind cool. Aber alle kämpfen nur im Preisbereich. Dass man sich anders differenzieren kann als nur über den Preis, wird verschlafen. Das tut der Customer Experience nicht gut und es wäre eine Chance sich auf dieser Ebene zu distanzieren.

Was wir bei Flightright machen, die Leute gegenüber der Rechtsabteilung auf Augenhöhe zu bringen, wird auch in anderen Bereichen passieren. Die Leute werden gegenüber dem fiesen Dynamic Pricing Algorithmus auf Augenhöhe gebracht werden: Man kennt das, man geht drei Mal auf eine Website, der Price Engine registriert das und der Flugpreis wird teurer, da wird es auf Dauer ein Gegengewicht geben.

Gründerfreunde: Wann kommt Trainright.de?

Philipp Kadelbach: Die Domain ist seit vier Jahren registriert und die Bahn ist sehr proaktiv, was das Auszahlen angeht, das könnte also noch einen Moment dauern.

Gründerfreunde: Vielen Dank für das nette Gespräch!

Philipp Kadelbach: Ebenfalls!