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Scheitern. Was war Ihre erste Verbindung zu diesem schweren Wort? Ein leichtes Unbehagen, böse Erinnerungen, der Wunsch, schnell weiterzulesen? Die meisten von uns sind mindestens einmal gescheitert: in einer Beziehung, in einer Prüfung, als Unternehmer. Trotzdem wird in Deutschland kaum darüber gesprochen. Mit dem Scheitern ist es wie mit unbezahlten Rechnungen: Sie zu ignorieren, löst nichts.
Attila von Unruh hat das am eigenen Leib erfahren. Er war jahrelang erfolgreicher Unternehmer, bis eine Bürgschaft ihn in die Insolvenz riss. Danach gründete er eine Selbsthilfegruppe für gescheiterte Unternehmer und berät bis heute Menschen in der Krise. Im Juni 2017 haben wir mit ihm gesprochen. Hier steht das ganze Interview, dazu unser Plädoyer für eine Kultur der zweiten Chance und das, was sich seitdem an Gesetzen und Regeln geändert hat.
Warum Deutschland eine Kultur der zweiten Chance braucht
Unsere Gesellschaft blickt alles andere als freundlich auf das Scheitern. Es wird verschwiegen, stigmatisiert und kann Menschen lähmen oder in die Verzweiflung treiben. Wer eben noch angesehener Unternehmer war, gilt nach der Pleite als Versager, ganz gleich, ob er sie selbst verschuldet hat. Der Druck ist enorm: Mit einem negativen Eintrag bei der SCHUFA bekommt man oft keine Wohnung und keinen Handyvertrag, und wer zurück in eine Anstellung geht, muss dem neuen Chef von der Insolvenz erzählen.
In Frankreich, Großbritannien und den USA gilt ein Neustart nach der Pleite eher als Lehrgeld. Man fällt, denkt nach und fängt wieder an. Der Publizist Roger Willemsen hat es so gesagt: „Es sind die Zeiten gekommen, in denen wir festgestellt haben, dass das Erfahren und Überwinden einer Niederlage zum Bauprinzip einer geglückten Arbeitsbiographie gehören kann.“ In Deutschland dagegen zählt für viele Personalchefs noch der lückenlose Lebenslauf.
Wir finden: Gescheitert sind eigentlich die, die aus Angst vor dem Scheitern nie anfangen und deren gute Ideen im Zweifel versickern. Scheitern gehört zum Leben. Was fehlt, ist ein offenes Gespräch darüber und ein gutes Beispiel, wie man damit umgeht. Attila von Unruh ist so ein Beispiel.
Wer Attila von Unruh ist
Attila von Unruh verkaufte seine erfolgreiche Beratungsfirma an einen Geschäftspartner, blieb aber Bürge. Als ein großer Auftrag platzte, musste er einstehen und war auf einmal pleite. Mit wem sollte er reden? Bank und Insolvenzverwalter vertreten die Gläubiger, Freunde und Familie sind selten die richtigen Ansprechpartner.
„Der Staat muss eine Balance zwischen dem Schutz der Interessen der Banken und Inkassofirmen und dem Allgemeinwohl finden.“
Deshalb gründete er die Selbsthilfegruppe „Anonyme Insolvenzler“, die schnell zu einem bundesweiten Netzwerk wuchs. Er baute den Bundesverband Menschen in Insolvenz und neue Chancen auf und wurde mit dem Deutschen Engagementpreis ausgezeichnet. Seit 2013 berät er Unternehmer, denen die Insolvenz droht.
Das Interview: Scheitern erlaubt!
Herr von Unruh, bitte erzählen Sie uns etwas zu Ihrer Person. Wie alt waren Sie, als Sie Ihr erstes Unternehmen gründeten?
Ich habe bereits mit 16 Jahren angefangen, neben der Schule zu arbeiten, und bin nach der Schule direkt in die Arbeitswelt eingestiegen, statt zu studieren. Mein Lebenslauf war kein klassischer: Ich habe bei der Lufthansa gearbeitet, in einem Reisebüro, und ich habe eine Eventmarketingagentur mit 50 Mitarbeitern aufgebaut. Ende 1999 habe ich mich dann als Unternehmensberater für Marketing selbstständig gemacht.
Warum haben Sie Insolvenz angemeldet?
Ich habe meine Beratungsfirma an einen guten Geschäftspartner verkauft. Er bat mich, ihm noch etwas Zeit zu geben, bevor ich meine Bürgschaft auflöse. Er hatte einen großen Deal mit einer Produktionsfirma abgeschlossen, leider zog diese den Auftrag kurzfristig zurück. Ich war der Letzte in der Kette. Wie bei einem Dominoeffekt musste ich am Ende die Rechnung bezahlen.
Haben Sie lange versucht, die Insolvenz abzuwenden, oder war Ihnen schnell klar, dass es keinen anderen Weg geben wird?
Leider habe ich fünf Jahre lang versucht, mit der Bank zu verhandeln, was ich im Rückblick niemandem raten würde. Man sollte sich schnell an einen Fachanwalt für Insolvenzrecht wenden und versuchen, einen Vergleich zu erzielen, möglichst solange man noch die nötige Liquidität besitzt. Ich rate davon ab, in Eigenregie mit der Bank zu verhandeln oder sich von Steuerberatern oder Anwälten vertreten zu lassen, die auf ein anderes Fachgebiet spezialisiert sind.
Wie wurden Sie von der Bank behandelt?
Für die Bank ist man in erster Linie Schuldner. Sie möchte ihr Geld zurück und nimmt dabei wenig Rücksicht auf die Umstände dahinter.
Man hört immer wieder, dass die Insolvenz eine Erleichterung sein soll. Können Sie das bestätigen?
Das kommt auf die Geschichte an, die man sich erzählt. Sage ich mir, dass die Insolvenz mein Versagen zementiert, dann ist sie keine Erleichterung. Sehe ich sie aber als Chance auf einen Neuanfang, dann ist sie durchaus eine Erleichterung. Sie kann eine neue Perspektive bieten.
Wie wird man von einem Insolvenzverwalter behandelt?
Für den Insolvenzverwalter ist man lediglich ein Aktenzeichen. Er vertritt die Interessen der Gläubiger. Fragt man ihn, wie man damit umgeht, dass man keinerlei Verträge mehr abschließen kann, zuckt er mit den Schultern. Das ist schlicht nicht sein Gebiet.
Genau aus diesem Grund entstand die Selbsthilfegruppe für Insolvenzler. Man braucht einen geschützten Raum, in dem man miteinander reden kann, ohne verurteilt zu werden. Der Austausch mit Gleichgesinnten ist extrem wichtig, gerade bei einem so stark tabuisierten Thema.
Worauf führen Sie die soziale Kriminalisierung des Scheiterns in Deutschland zurück?
Ich würde es nicht unbedingt Kriminalisierung nennen, ich würde eher von einer Stigmatisierung sprechen.
Man bekommt weder einen Mietvertrag noch eine zweite Chance, eine Firma zu gründen. Kommt das nicht einer Kriminalisierung gleich?
Wie auch immer man es nennen mag, ich denke, es hängt damit zusammen, wie eine Gesellschaft Erfolg definiert. Macht, Status und Geld bedeuten Erfolg. Wer gescheitert ist, gehört nicht mehr dazu. Man möchte nicht Teil dieser Gruppe sein und nicht selbst als gescheitert gelten.
Warum haben andere Länder wie Großbritannien eine deutlich wohlwollendere Haltung zum Scheitern, obwohl sich die Gesellschaft dort auch über Status und Geld definiert? Ließe sich das auf Deutschland übertragen?
In Deutschland gilt leider immer noch: Schulden gleich Schuld. Die Geisteshaltung ist, dass der Schuldner bestraft werden soll, wenn er seine Schulden nicht zahlen kann. Früher war die Strafe der Schuldenturm oder der Pranger, heute ist es der SCHUFA-Eintrag, der aller Welt mitteilt, dass der Mensch nicht kreditwürdig ist. Egal, was die Verschuldung ausgelöst hat.
In Großbritannien sieht man das pragmatischer. Wenn jemand sich nicht kriminell verhalten und keine Gläubiger betrogen hat, soll er schnell wieder in die Gesellschaft integriert werden und am wirtschaftlichen Leben teilnehmen können.
Was entgegnen Sie Menschen, die sagen, die Insolvenz müsse sechs Jahre dauern, damit man nicht immer wieder in dieselbe Falle tappt und leichtfertig Unternehmen gründet?
Im ersten Schritt geht es darum, seine Situation zu reflektieren und zu schauen: Was war mein Anteil daran? Vielleicht habe ich mich zu sehr auf bestimmte Felder konzentriert und dabei andere aus dem Blick verloren.
Im zweiten Schritt geht es darum, aus den Erfahrungen zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen. Dabei hilft es, über die Erfahrungen zu sprechen, mit Freunden, mit Fremden und mit einem guten Coach. Dann gilt es, die Erkenntnisse in den Alltag zu bringen.
Vielleicht ist jemand ein sehr kreativer Mensch, aber Buchhaltung und Finanzen sind nicht seine Stärke. Dann sollte er sich beim nächsten Mal jemanden suchen, der darin gut ist, damit er sich auf seine Stärken konzentrieren kann, ohne die anderen Bereiche zu vernachlässigen. Teams sollten möglichst verschiedene Stärken abdecken, damit ein Startup erfolgreich sein kann. Bei Team U lassen wir uns regelmäßig von außen begleiten, so sehen wir, ob wir noch auf Kurs sind.
Wie bewerten Sie den großen Einfluss der SCHUFA?
Die SCHUFA benachteiligt ehrliche Unternehmer. Natürlich muss es eine Auskunft über die Kreditwürdigkeit geben, aber es ist nicht verhältnismäßig, einen Unternehmer zehn Jahre ins Abseits zu stellen. Ein Eintrag gilt als Negativkriterium, und das verhindert, dass man wieder aufsteht und es erneut als Unternehmer versucht.
Viele Menschen haben tolle Ideen, trauen sich aber nicht, ein Startup zu gründen. Das ist sehr schade, so verhindert man Innovation. Man sollte den Menschen die Chance geben, etwas auszuprobieren, und zwar wieder und wieder, statt mit der Aussicht auf zehn Jahre Abstellgleis einen Hemmschuh zu schaffen. Man muss den Leuten helfen, schnell wieder aufzustehen.
Zeichnet sich denn ein Umdenken ab?
Nein, leider ist die Lobby der Banken und Inkassofirmen derzeit noch viel zu stark.
Müsste man schon in der Schule einen anderen Blick auf das Scheitern lehren?
Unser Bildungssystem beruht leider immer noch auf Auslese, Noten und Wettbewerb, statt auf der Förderung der eigenen Stärken und auf Mitwirkung. Es geht um Anpassung, nicht um Befähigung. Wer in diesem System scheitert, fällt durch. Wir sollten in der Bildung und in der Wirtschaft viel mutiger sein und Menschen erlauben, Neues zu wagen. Wer etwas ausprobiert, wird wahrscheinlich häufig scheitern. Ziel sollte sein, aus den Fehlern zu lernen, statt aussortiert zu werden. Es gibt noch viel zu tun.
Was kann jeder Einzelne gegen das Stigma tun?
Seine Werte überdenken. Überlegen, wie wichtig Status und Erfolg wirklich sind. Wer sich nur über Macht und Geld definiert, urteilt vorschnell und verliert den Blick für den Menschen hinter der Fassade.
Was würden Sie Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg geben?
Man sollte sich mit den Risiken auseinandersetzen, sich kritischem Feedback stellen und verschiedene Sichtweisen hören, aber Menschen fragen, die sich in dem Bereich auskennen. Viele ältere Unternehmer kennen sich mit Startups nicht aus, können keine fundierten Tipps geben und demotivieren eher.
Mentoren-Netzwerke sind eine wunderbare Sache. Außerdem muss man sich ständig hinterfragen, den Kurs ändern, wenn er in die falsche Richtung führt, und Lust haben, zu lernen. Man darf nicht an alten Mustern festhalten. Was nicht funktioniert, muss man verwerfen.
Was sich seit dem Interview geändert hat
Einiges von dem, was Attila von Unruh 2017 kritisiert hat, ist heute anders geregelt. Die zwei wichtigsten Änderungen betreffen die Dauer bis zur Restschuldbefreiung und die Speicherung bei der SCHUFA.
| Thema | Stand im Juni 2017 | Stand im September 2026 |
|---|---|---|
| Weg zur Restschuldbefreiung | in der Regel sechs Jahre | drei Jahre für Anträge seit dem 1. Oktober 2020, beim zweiten Mal fünf Jahre |
| Eintrag zur Restschuldbefreiung bei der SCHUFA | drei Jahre gespeichert | seit März 2023 nur noch sechs Monate |
| Hilfe von Attila von Unruh | Team U, Beratung und gemeinnützige Gesellschaft | TEAM U RESTART gGmbH in Köln, kostenfreie Orientierung für Unternehmen in der Krise |
Die kürzere Frist steht heute in Paragraf 287 der Insolvenzordnung: Die Abtretungsfrist beträgt drei Jahre nach Eröffnung des Verfahrens. Wer schon einmal nach dem 30. September 2020 eine Restschuldbefreiung bekommen hat, braucht beim nächsten Mal fünf Jahre. Die SCHUFA speichert die Information zu einer erteilten Restschuldbefreiung seit dem 28. März 2023 nur noch sechs Monate statt drei Jahre. Bei rund 250.000 Menschen wurden die älteren Einträge damals gelöscht, so die Mitteilung der SCHUFA.
Der Neustart ist damit deutlich schneller möglich als 2017. Am Stigma selbst ändert ein Gesetz allerdings wenig. Genau dafür braucht es weiter Menschen, die offen über ihr Scheitern sprechen.
Hilfe, wenn die Insolvenz droht
Attila von Unruh ist weiter aktiv. Laut Impressum führt er die TEAM U RESTART gGmbH mit Sitz in Köln. Sie bietet nach eigenen Angaben unabhängige und kostenfreie Orientierung für Unternehmen in Krisen. Sein Rat aus dem Interview gilt weiter: früh zu einem Fachanwalt für Insolvenzrecht gehen, nicht jahrelang allein mit der Bank verhandeln.
Wer verstehen will, woran Startups am häufigsten scheitern, findet bei uns zehn Gründe, warum Startups in Deutschland scheitern. Was Gründer aus bekannten Pleiten lernen können, steht in unserem Beitrag über die Kunst des Scheiterns. Wie man sich als Geschäftsführer gegen die eigene Haftung absichert, erklärt unser Ratgeber zur D&O-Versicherung im Startup.
Häufige Fragen
Wer ist Attila von Unruh?
Ein früherer Unternehmer, der durch eine Bürgschaft in die Insolvenz geriet. Er gründete die Selbsthilfegruppe „Anonyme Insolvenzler“ und berät heute mit der TEAM U RESTART gGmbH Unternehmen in der Krise.
Wie lange dauert es heute bis zur Restschuldbefreiung?
Für Anträge seit dem 1. Oktober 2020 dauert es bis zur Restschuldbefreiung in der Regel drei Jahre nach Eröffnung des Verfahrens. Beim zweiten Mal sind es fünf Jahre.
Wie lange speichert die SCHUFA eine Restschuldbefreiung?
Seit März 2023 nur noch sechs Monate. Vorher waren es drei Jahre.
Aktualisiert am 29. September 2026: Unser Interview mit Attila von Unruh vom Juni 2017 ist überarbeitet und um die heutigen Regeln zu Insolvenz und SCHUFA ergänzt. Unseren Beitrag „Wir brauchen eine Kultur der 2. Chance!“ vom Juni 2017 haben wir hier eingearbeitet.



















