Vorige Woche stellte die Technologie-Investmentbank GP Bullhound ihren Report „Fintech: Anything But Alternative“ vor. Weitere Vorträge zum Thema mit anschließender Podiumsdiskussion gab es außerdem auf der Asia Pacific Week (APW), die ebenfalls letzte Woche in Berlin stattfand. Gründerfreunde war bei beiden Events dabei und gibt euch einen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen der Fintech-Branche.

Fintech auf dem Vormarsch

Fintech-Unternehmen bieten eine Vielzahl von finanziellen Dienstleistungen an, die durch clevere Nutzung von Technologie und Daten schlanker und effizienter funktionieren als Finanzprodukte herkömmlicher Banken. In den letzten drei Jahren hat sich das globale Venture-Capital-Investment in Fintech-Unternehmen mehr als vervierfacht und betrug 2016 über 13 Milliarden US-Dollar. Weltweit sind bereits 39 Fintech-Unternehmen mit über einer Milliarde US-Dollar bewertet.

GP Bullhound Fintech Report
Vertreter verschiedenster Branchen erschienen zur Vorstellung des Fintech Reports von GP Bullhound

Bemerkenswert ist dabei vor allem der rasante Aufstieg des asiatischen Fintech-Sektors, der die globale Entwicklung dominiert. Während 2014 dort nur zwei Fintech-Unternehmen mit über einer Milliarde US-Dollar bewerten wurden, waren es 2016 bereits 15 Unternehmen. Durchschnittlich ist ein asiatisches Fintech-Unternehmen mit 7,8 Milliarden US-Dollar bewertet. Im Vergleich zur durchschnittlichen Bewertung US-amerikanischer Unternehmen (3,9 Milliarden US-Dollar) und europäischer Unternehmen (2,8 Milliarden US-Dollar) wird die Dominanz des asiatischen Fintech-Sektors deutlich.

Finanzierungs-Apps dominieren Asiatischen Markt

Der weitaus größte Fintech-Player ist China. Im einwohnerreichsten Land der Welt wird die Branche vor allem von alternativen Finanzierungsdienstleistern beherrscht. Da viele Privatpersonen und Kleinunternehmer nicht vom klassischen Bankensektor bedient werden, ist eine Lücke entstanden, die nun von Fintech-Dienstleistern ausgenutzt wird. 2016 gab es in China fast 2500 Kredit-Plattformen, über die Kredite im Wert von 300 Milliarden US-Dollar vergeben wurden. Die Vergabe erfolgt teilweise bereits vollständig automatisiert, wie Johann Uddmann, Berater bei Jade Value Fintech, auf der APW verdeutlicht. Sein Beispiel dafür ist CashBUS, ein Fintech-Startup aus Shanghai. Kunden erhalten – nachdem ihre Kreditwürdigkeit mithilfe von Algorithmen geprüft wurde – innerhalb weniger Minuten den Kredit auf ihrem Konto gutgeschrieben. Auch P2P-Plattformen, auf denen Privatpersonen untereinander Kredite vergeben, erfreuen sich immer größer werdender Beliebtheit. In China betrug die Summe der P2P-Kredite 2016 bereits 102 Milliarden US-Dollar – ein Anstieg um das Zwanzigfache im Vergleich zum Vorjahr.

„Durch Anwendungen wie diese kann Fintech auch zur Inklusion beitragen“, sagt Fintech Berater Christian Trumm in seiner Rede auf der APW. Viele Menschen in Schwellenländern, die zuvor keine Kredite erhalten oder Konten besessen haben, können dank Fintech-Dienstleistern erstmals an Finanzgeschäften teilnehmen. Dies bedeutet auch eine Verschiebung der Machtverhältnisse. „Während früher die Banken im Zentrum standen und die Konsumenten als Bittsteller auftraten, sind es heute die Konsumenten selbst, die dank Smartphone und Fintech-Apps im Fokus stehen“, sagt Trumm.

Christian Trumm - Asia Pacific Week 2017
Christian Trumm hält einen Vortrag zum Thema Fintech auf der Asia Pacific Week 2017

Wachsendes Interesse an Fintech auch in Europa 

Während der Fintech-Markt in Asien vor allem von Kredit-Plattformen dominiert wird, spielen in Europa, wo der traditionelle Finanzsektor stärker ist, Unternehmen, die alternative Bezahlmöglichkeiten anbieten, eine größere Rolle. Ein Beispiel ist Optiopay. Das Berliner Start-Up bietet Zahlungsempfängern verschiedene Zahlungsmethoden an. Bekommt ein Kunde beispielsweise 500 Euro von seiner Versicherung für ein gestohlenes Fahrrad, so kann er alternativ einen Gutschein über 550 Euro von einem Fahrradladen erhalten. Oliver Oster, Gründer und COO von Optiopay sieht den Erfolg von Fintech-Startups auch durch die Untätigkeit der Banken begründet. Da sich mit klassischen Girokonten aufgrund des anhaltenden Niedrigzinses kaum noch Geld verdienen lässt, haben Banken das Privatkundengeschäft vernachlässigt. Auch Ramin Niroumand, Geschäftsführer und Gründer des Company Builders Finleap, sieht den Aufstieg von Fintech-Unternehmen durch die mangelnde Anpassungsfähigkeit des Bankensektors begünstigt. „Falls die Banken sich nun zu schnell bewegen, könnte dies problematisch werden für die Fintech-Branche“, sagt Ramin.

Ob auch der deutsche Fintech-Sektor, der im internationalen Vergleich noch recht unbedeutend wirkt, Erfolg haben wird? Ramin ist fest davon überzeugt, dass Fintech auch hierzulande vor dem Durchbruch steht. Sein Unternehmen Finleap könnte sicher einen Beitrag dazu leisten, schließlich hat es mit der solarisBank einen Bankenpartner für Fintechs gegründet – ein Meilenstein in einem wachsenden Fintech-Ökosystem in Deutschland und Europa.

Fintech ist auf dem Vormarsch und hat das größte Potential noch vor sich, darüber sind sich die Redner beider Events einig. Bleibt die Frage, wie der traditionelle Bankensektor auf die Entwicklung reagieren wird und ob die Fintech-Startups ihren Siegeszug mit immer innovativeren Anwendungen fortsetzen können. Eins ist jedoch sicher: Der Konsument ist der Gewinner und kann sich auf immer benutzerfreundlichere Finanz-Apps freuen.