Statt für Kaffee und Kuchen zahlt man im Anti-Café „be’kech“ in Berlin-Wedding lediglich für die dort verbrachte Zeit. Dabei ist unerheblich, ob man arbeitet, etwas vom leckeren vegan-vegetarischen Buffet isst oder ein Buch liest. Die Gründerfreunde waren an zwei Tagen für mehrere Stunden zu Gast.

Bezahle deine verbrachte Zeit, nicht deinen Konsum

Die beiden Besitzerinnen, Louna und Nina, gehören zu denjenigen, die nicht nur meckern, sondern für Abhilfe sorgen. Was es zu meckern gibt? Überteuerte Co-Working Spaces in Berlin, in denen es offensichtlich immer weniger um Networking und Inspiration geht. Vielmehr locken diese Orte eine spezielle Spezies mit „Show-off-we-are-the-next-big-thing“-Attitüde an. Gespräche verlaufen einseitig, es geht um Venture Capital, Wachstumsraten, eben einfach nur noch um’s Geld. Dies spiegele sich laut Louna auch in der Einrichtung diverser Spaces wider: „Zu kahl, zu steril“. In den zahlreichen Cafés könne man locker 30-40 Euro pro Tag loswerden, so Louna. Einen Tee für 3 Euro findet sie „übertrieben“ und alles andere als „gemeinnützig“. Zwar müssten die beiden auch irgendwann von den Gewinnen des Cafés leben, aber das gehe eben auch fair.

Das be’kech bietet deshalb ein Wohnzimmer-Flair, einen Raum für die Nachbarschaft. Das Konzept baut auf Inklusion auf. Die Gäste bezahlen nicht etwa das, was sie konsumieren, sondern die Zeit, die sie in dem Café verbringen. Eine Minute kostet moderate 5 Cent, das sind 3 Euro pro Stunde. Selbst wenn ein Gast den ganzen Tag bleibt, bezahlt er aufgrund der fünfstündigen Kappungsgrenze maximal 15 Euro. Der Multipass für zehn Tage kostet 120, der Monatspass (inklusive Community Membership) 220 Euro. Wer sich also mehr als drei Mal die Woche ganztägig im be’kech aufhält, für den lohnt sich der Monatspass in jedem Fall.

Buffet be'kech
Vegan-vegetarisches Buffet

Sozialer und politischer Ansatz 

Der größte Teil der Zutaten für das vegane-vegetarische Buffet stammen von der Solidarischen Landwirtschaft. Gesundes Essen soll auf diese Weise für jedermann zugänglich gemacht werden. Zusätzlich fungiert das Café als Ablageort für die Ernte der Solidarischen Landwirtschaft. Bereits mehr als 10 Personen holen sich wöchentlich ihr gesundes Bio-Essen für ca. 80 Euro im Monat im be’kech ab. Trittbrettfahrer-Effekte träten wegen des gemeinschaftlichen Teilhabegefühls nicht auf. Neben gesunder Ernährung unterstützen Louna und Nina auch das Fair Trade Label „Sboutiful“, ein Mannheimer Pop-up Shop für Kleidung im African Design. Zukünftig soll der Hof für Freizeitaktivitäten in der Nachbarschaft ausgebaut werden.

Fensterbank Shop be'kech
Gemütliche Fensterbank mit Pop-up-Shop S Boutiful

Ein Ort für Kunst- und Kulturschaffende

Jeden Donnerstag finden im Anti-Café Konzerte und kulturelle Events statt. Dienstags ist Themenabend-Tag. So fanden beispielsweise bisher PoC-/Queer-Nights, Diskussionsabende und diverse Workshops zu Steuern, (sozialem) Unternehmensaufbau, EU-Fördermittel u.Ä. statt. Alle Veranstaltungen und Räumlichkeiten sind kostenlos. Die Spenden werden zu 100 Prozent an die Künstler*innen oder Workshopleiter*innen weitergegeben. Zurzeit werden die Räumlichkeiten der oberen Etage des Cafés durch die Klebeband-Kunst des Kunstkollektivs „Tape-That“ aus Berlin verschönert. Nicht zu vergessen sei, der multikulturelle Ansatz, der sich auch in der Namensgebung wiederfindet. „Be“ steht für Berlin und „Kech“ für Marrakech, die beiden Herkunftsorte der Besitzerinnen.

Tape That Kleband-Kunst be'kech
Klebeband-Kunst vom Berliner Kollektiv Tape-That
Über die Gründerinnen

Nina Martin, gebürtige Berlinerin, hat Film und Neue Medien studiert und ist heute als Sozialunternehmerin und Design Thinkerin tätig. Sie gründete u.a. die Initiative „Share on Bazaar“, der sich für den Austausch von Neu- und Altberliner*innen engagiert.

Louna Sbou, ursprünglich aus Marokko, hat Wirtschaftsrecht studiert und ist heute Kulturmanagerin und Startup-/Gründercoach. Sie gründete u.a. tunesisters Entertainment mit Empowerment- und Musikprojekten in der arabischen Welt, Japan und Deutschland.

Beide haben zudem eine Weiterbildung zur EU-Fördermittel-Beraterin absolviert und sind durch ihre Agentur ICKE Consult als solche tätig.

Die Gründerfreunde wünschen euch beiden viel Erfolg. Wir kommen gerne wieder!