Forschung allein wird noch kein Markt

Die EXIST Startup Factories sollen genau an diesem Punkt ansetzen, an dem viele Forschungsgruppen hängen bleiben: Ein überzeugendes Laborergebnis, ein neuer Algorithmus oder ein frisch angemeldetes Patent beantwortet noch lange nicht, wer dafür zahlt, wie ein erster Pilot entsteht und welche Infrastruktur den Weg zum Markt überhaupt ermöglicht.

Für ein wissenschaftsbasiertes Startup ist der Zugang zu passenden Industriepartnern, Testumgebungen, Kapital und unternehmerischer Kompetenz oft deutlich wertvoller als unspezifisches Networking auf der nächsten Gründerkonferenz. Dieser Beitrag erklärt, wie das Factory-Modell funktioniert, grenzt es klar von der klassischen EXIST Förderung und anderen Programmen ab, ordnet alle zehn Standorte nach praktischen Auswahlkriterien ein und liefert dir eine Vorbereitungsliste für das erste Gespräch. Vorweg die Einordnung, die viele Pitch-Decks unterschlagen: Nicht jede Hochschulgründung und nicht jede Idee braucht oder erhält Zugang zu einer Factory.

Was hinter dem neuen Ökosystemformat steckt

Startup Factories sind regional verankerte, privatwirtschaftlich organisierte Trägerstrukturen. Sie bringen Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Investor:innen und internationale Talente zusammen, mit dem Ziel, wissenschaftliche Erkenntnisse in skalierbare Unternehmen zu überführen. Zehn dieser Factories wurden am 10. Juli 2025 im Rahmen eines Leuchtturmwettbewerbs prämiert, die fünfjährige Projektphase läuft seit dem 1. Oktober 2025.

Für Gründer:innen bedeutet das konkret:

  • Unterstützung bei Geschäftsmodellentwicklung, Marktvalidierung, Skalierung und Internationalisierung
  • Zugang zu Pilotkund:innen und Industriepartnern statt nur allgemeinem Mentoring
  • je nach Standort Zugang zu Laboren, Prototyping-Flächen, Produktionsinfrastruktur, Datenkompetenz oder kliniknaher Expertise
  • Vermittlung zu Kapitalgeber:innen, Co-Founder-Pools und spezialisierten Fachleuten

Eine wichtige Einschränkung solltest du direkt mitnehmen: Die Förderrichtlinie unterstützt die Factory-Träger als Organisationen, nicht automatisch jedes einzelne Team. Eine Factory öffnet Türen, garantiert aber weder Aufnahme noch Investment oder Pilotvertrag. Als Größenordnung, nicht als Erfolgsgarantie, nennt die offizielle Plattform rund 110 Millionen Euro private Finanzierungsmittel sowie 126 wissenschaftliche und 144 wirtschaftliche Kooperations- beziehungsweise Finanzierungspartner.

Quellen: startup-factories.de, Richtlinie Startup Factories Projektphase (PDF)

Förderung, Inkubation und Skalierung richtig auseinanderhalten

Bevor du dich für einen Standort entscheidest, solltest du wissen, welches Instrument welches Problem löst. Die Begriffe werden im Gründungsalltag häufig durcheinandergeworfen, obwohl sie unterschiedliche Aufgaben haben.

Instrument Wofür es gedacht ist Typischer Nutzen Was es nicht automatisch liefert
EXIST-Gründungsstipendium Zwölf Monate Unterstützung für Studierende, Absolvent:innen und Wissenschaftler:innen zur Gründungsvorbereitung Entwicklung eines tragfähigen Geschäftsmodells aus einer frühen wissenschaftsbasierten Idee Industriezugang, Kapital für Skalierung
EXIST-Forschungstransfer Besonders risikoreiche, technisch aufwändige Entwicklungs- und Transferprojekte Phase I klärt die Produktumsetzung, Phase II unterstützt Entwicklung und Vorbereitung externer Finanzierung Automatischen Marktzugang oder Pilotpartner
Startup Factory Ökosystem und Zugangspunkt für Partner, Infrastruktur, Talent und Kapital Marktvalidierung, Skalierungswissen, Netzwerkzugang Standardisierte Einzelförderung pro Team
Hochschulinkubator Hochschulnahe Beratung, Qualifizierung, erste Gründungsschritte Frühe Orientierung, oft fachlich spezialisiert Zwingend dasselbe regionale Industrie- und Investorennetzwerk
Accelerator Zeitlich begrenztes Programm für schnellere Markt- oder Wachstumsfortschritte Struktur, Pitch-Training, Peer-Netzwerk Lösung für lange Labor-, Zertifizierungs- oder Entwicklungszyklen

Ein Inkubator DeepTech kann fachlich sehr tief sein, verfügt aber nicht immer über dieselben Industriekontakte wie eine Factory. Und bei einer DeepTech Gründung mit langen Entwicklungs- oder Zulassungszyklen reicht ein reines Pitch-Programm meist nicht aus, um die eigentlichen Engpässe zu lösen.

Die gute Nachricht: Diese Instrumente lassen sich kombinieren. Eine EXIST Förderung finanziert zum Beispiel die Entwicklung oder Gründungsvorbereitung, während eine Factory parallel dabei hilft, passende Pilotpartner, Infrastruktur und Folgekapital zu erschließen.

Vergleich von EXIST-Förderung, Startup Factory, Inkubator und Accelerator.

Quellen: exist.de/programme, EXIST-Gründungsstipendium, Richtlinie EXIST-Forschungstransfer (PDF)

So grenzt du die passende Anlaufstelle ein

Bei der Auswahl einer Startup Factory Deutschland solltest du nicht nach Prestige entscheiden, sondern nach dem Engpass, der euren Transfer aktuell ausbremst. Hier die zehn Factories gebündelt nach Region und Schwerpunkt.

Life Sciences, Health und regulierte Anwendungen

  • GOe FUTURE (Göttingen–Hannover–Braunschweig): ausschließlich wissensbasierte Life-Science-Gründungen. Besonders passend bei Medizin, Pharma oder Biotechnologie mit langen Entwicklungszyklen und hohem Kapitalbedarf.
  • BRYCK Startup Alliance (Ruhrgebiet): Future Life Science zusätzlich zu Future Industry und Future Cities. Passend, wenn Laborinfrastruktur, Prototyping-Flächen, Industriepartner und Kapitalzugang zusammen gebraucht werden.
  • FUTURY (Rhein-Main): Life Science & Healthcare sowie Banking & Finance, Aviation & Aerospace, Data & AI, Deep Tech und Green Tech. Stark für Teams, die reale Industrieanwendungsfälle und Pilotprojekte zur Validierung benötigen.

Industrie, Hardware und nachhaltige Transformation

  • Gateway Factory (Rheinland): Future Computing & Engineering, Sustainable Infrastructures, Health & Life Sciences und Regulatory Demands. Für Teams in der Pre-Skalierung mit Bedarf an Produktions- oder Laborinfrastruktur und Mittelstandskontakten.
  • NXTGN (Baden-Württemberg): technologieintensive Vorhaben mit Bedarf an Markteintritt, Wachstum, Finanzierung und enger Industrievernetzung.
  • SouthwestX (Saarland, Rheinland-Pfalz sowie angrenzende Regionen in Frankreich und Luxemburg): technologie- und forschungsbasierte Teams, insbesondere nachhaltige KI und Green Transformation, mit grenzüberschreitendem Netzwerk.
  • Impossible Founders (Hamburg): grüne Technologien, neue Materialien, KI und datengetriebene Lösungen, mit Forschungsinfrastruktur, Mentor:innen und Investorennetzwerken.

Digitale Technologien und breiter DeepTech-Fit

  • JUNI (Berlin-Brandenburg): KI, Gesundheit, Greentech und angrenzende Technologiefelder, von der Ideenphase bis zur Skalierung.
  • ZOHO Factory (Nürnberg und Metropolregion): TechSpace für Prototyping und digitale Produktentwicklung, Frühphasenfonds, Industrie- und Forschungspartner, mit digitaler Gesundheit als regionalem Bezugspunkt.
  • boOst Startup-Factory (Mitteldeutschland): technologie- und forschungsbasierte DeepTech-Vorhaben mit Prototyping, internationalen Landing Pads sowie Netzwerken aus Hochschulen, Forschung, Industrie und Investor:innen.

Stell dir vor jedem Erstkontakt diese fünf Fragen:

  • Liegen Forschung, Labor, potenzielle Pilotkund:innen und Team realistisch in Reichweite der Region?
  • Braucht ihr Branchenzugang, etwa zu Klinik, Industrie, Energie, Materialforschung oder öffentlichen Anwendungspartnern?
  • Welcher Reifegrad liegt vor: Forschungsergebnis, Prototyp, Pilot oder erste Umsätze?
  • Fehlt euch primär Kapital, Testinfrastruktur, ein Vertriebspartner, regulatorische Erfahrung oder ein kommerzieller Co-Founder?
  • Könnt ihr die regionale Zusammenarbeit tatsächlich nutzen, statt nur einen bekannten Namen im Pitch Deck zu führen?

Profile und Angebote entwickeln sich weiter. Prüfe vor der Kontaktaufnahme immer die aktuellen Zugangsvoraussetzungen auf der jeweiligen offiziellen Factory-Seite.

Quellen: exist.de/exist-startup-factories, startup-factories.de

Entscheidungsbaum für DeepTech-Teams nach Labor, Kapital und Industriepilot.

Fünf Situationen aus der Gründungspraxis

Uni-Spin-off mit validiertem Forschungsergebnis: Das Ergebnis funktioniert, der Kundennutzen ist unklar. Priorität sind Industrie- oder Anwendungspartner und eine Person, die Markt und Geschäftsaufbau übernimmt. Nächster Schritt: Problemhypothese, Zielkundengruppe und Pilotannahme auf einer Seite formulieren.

Laborprojekt mit Patent oder offener IP-Lage: IP umfasst Patent, Software-Rechte, Daten, Materialien und Know-how. Eine Factory erleichtert Transfer- und Netzwerkzugang, ersetzt aber keine rechtliche Prüfung von Rechteinhaberschaft, Lizenzmodell und Verwertungsrechten. Fit: Standorte mit Laboren, Technologietransfer, DeepTech-Investor:innen und Industriepartnern.

Forschungsnahes KI-Startup: Es braucht nicht nur ein Modell, sondern rechtmäßig nutzbare Daten, einen zahlungsbereiten Anwendungsfall und Pilotzugang. DSGVO-Aspekte gehören früh auf den Plan: Zweckbindung, Datenminimierung, Transparenz, Speicherbegrenzung sowie technische und organisatorische Schutzmaßnahmen. Fit: Ökosystem mit Daten-, Industrie- oder öffentlichen Anwendungspartnern und KI-Talent.

Hardware-, Climate-Tech- oder Industrial-Tech-Team: Prioritäten sind Prototyp, Testfeld, Zertifizierung, Pilotproduktion und ein Finanzplan für längere Entwicklungszyklen. Fit: Factory mit Werkstatt-, Labor-, Produktions- und Industriezugang. Allgemeines Pitch-Training löst hier keine technische Validierung.

Internationales DeepTech-Team: Prüft, ob englischsprachige Angebote, lokale Forschungs- und Industriepartnerschaften sowie Marktzugang vorhanden sind. Die Globale Zertifizierungs- und Beratungsstelle (GCCC) unterstützt internationale Teams im Kontext der EXIST-Förderung und berät zu Unterlagen, garantiert aber weder Factory-Aufnahme noch Finanzierung.

Quelle für den Datenschutz-Teil: EU-Kommission: DSGVO-Grundsätze

Mit diesem Setup ins erste Gespräch gehen

Dein Team muss noch keine fertige Firma oder voll ausgearbeitete Finanzierungsrunde mitbringen. Eine reine Technologiepräsentation genügt aber ebenfalls nicht. Bereite stattdessen ein zweiseitiges Factory-Briefing mit folgenden Punkten vor:

  • Problem und Zielkunde: Welches konkrete, relevante und idealerweise zahlungsrelevante Problem besteht? Wer hat es und warum ist es dringend?
  • Transferlogik: Wie wird aus Forschung ein Produkt, Verfahren oder skalierbarer Service? Welcher technische Vorteil ist schwer kopierbar?
  • Reifegrad: Unterscheide sauber zwischen Laborergebnis, Funktionsprototyp, Pilot und Umsatz, ohne eine Reife zu behaupten, die noch nicht belegt ist.
  • Teamrollen: Wer verantwortet Technologie, Markt, Geschäftsaufbau und bei Bedarf Regulierung? Nenne offene Rollen ehrlich.
  • IP-Status: Wem gehören Patent, Code, Daten, Materialien und Nutzungsrechte? Welche Genehmigungen oder Lizenzen sind noch offen?
  • Erster Markt: eng abgegrenzter Anwendungsfall, potenzielle Pilotkund:innen und der Nutzen eines Piloten.
  • Kapitalbedarf: Betrag beziehungsweise Bandbreite, Zeitraum, Verwendungszweck und der Meilenstein, der damit erreicht werden soll.
  • Konkrete Bitte: zum Beispiel Laborzugang, Industriepilot, Investor:innen-Feedback, Co-Founder-Suche oder Unterstützung bei internationaler Ansiedlung.

Zweiseitiges Factory-Briefing mit Feldern für Problem, Team, IP und Kapitalbedarf.

Was ein gutes Netzwerk leisten kann und wo seine Grenzen liegen

Ein realistischer Blick lohnt sich, bevor du zu viel erwartest:

  • Kapital: Eine Factory kann Zugang zu Investor:innen und Finanzierungsexpertise schaffen, aber kein Investment erzwingen.
  • Industrie: Kontakte beschleunigen Pilotgespräche, ihr müsst trotzdem einen messbaren Kundennutzen, Ressourcenbedarf und Zeitplan formulieren.
  • Infrastruktur: Labore, Flächen und Testfelder senken Entwicklungsrisiken, sind aber oft standortgebunden, ausgelastet oder an Zugangskriterien gekoppelt.
  • Talent: Co-Founder- und Fachkräftezugang hilft, ersetzt aber keine klare Rollenverteilung und keine gemeinsame langfristige Motivation.

Produkt-Markt-Fit bleibt dabei die entscheidende Messgröße: die nachweisbare Passung zwischen einem Angebot und einem ausreichend starken, wiederkehrenden Kundenbedarf. Warnsignale sind eine reine Suche nach Fördergeld, fehlender Kundennutzen, unklare IP, unrealistische regionale Bindung oder ein Vorhaben, das eigentlich klassische Dienstleistungsberatung statt Transfer- und Skalierungszugang braucht.

Fazit: Ökosystem-Fit vor Bekanntheit

EXIST Startup Factories sind ein Hebel für Transfer und Skalierung, aber kein Ersatz für die eigene Gründungsarbeit. Die passende Factory ergibt sich aus dem konkreten Engpass eurer DeepTech Gründung: Markt, Labor, Industriepartner, Kapital, Regulierung oder Team. Priorisiere zwei Standorte anhand von Region, Vertical, Reifegrad und Ressourcenzugang, erstelle dann euer Factory-Briefing und nehmt mit einer konkreten Anfrage Kontakt auf.

Pro-Tipp: Egal ob Hochschulgründung oder etabliertes Forschungsteam, ein wissenschaftsbasiertes Startup profitiert am meisten von einer Factory, wenn der Engpass vor dem ersten Gespräch bereits klar benannt ist, statt erst während des Pitches entdeckt zu werden.

Häufig gestellte Fragen

Was sind EXIST Startup Factories genau?

Es sind regional verankerte, privatwirtschaftlich organisierte Ökosysteme, die Hochschulen, Forschung, Industrie, Kapital und Talent für den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in skalierbare Unternehmen zusammenbringen. Sie ergänzen EXIST-Gründungsstipendium und EXIST-Forschungstransfer.

Ersetzt eine Startup Factory das EXIST-Gründungsstipendium?

Nein. Das Gründungsstipendium unterstützt die frühe Vorbereitungsphase einer wissenschaftsbasierten Idee zwölf Monate lang. Eine Factory setzt später an, wenn Marktvalidierung, Skalierung und Industriezugang im Vordergrund stehen.

Garantiert eine Factory Kapital oder einen Pilotvertrag?

Nein. Eine Factory öffnet Kontakte und Prozesse, ersetzt aber keine eigene Due-Diligence von Investor:innen oder Industriepartnern und keine belastbare Kundenvalidierung.

Wie finde ich die passende Factory für mein DeepTech-Startup?

Orientiere dich nicht am bekanntesten Namen, sondern am aktuellen Engpass: Region, Branche, Reifegrad und benötigte Ressourcen wie Labor, Kapital oder regulatorische Expertise entscheiden über den Fit, nicht das Renommee.

Was sollte ich vor dem ersten Gespräch mit einer Factory vorbereiten?

Ein zweiseitiges Briefing mit Problem, Zielkunde, Transferlogik, Reifegrad, Teamrollen, IP-Status, erstem Markt, Kapitalbedarf und einer konkreten Bitte reicht als Ausgangspunkt völlig aus.

Newsletter abonnieren