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Bootstrapping ist häufig die einzige Möglichkeit, ein Unternehmen als Unternehmer zu gründen. Durch Bootstrapping findest du sehr schnell heraus, wie viel du persönlich in deine Idee investierst. Wie viel bist du bereit zu geben? Meist wird erst durch solch eine harte Probe deutlich, wie viel dir dein Vorhaben in Wirklichkeit wert ist.

Beim Bootstrapping musst du Geld oder Ressourcen von dir selbst ausgeben.

Dies bedeutet, dass du entweder dein eigenes Geld investierst, um eine frühe Version deines Produkts zu entwickeln, oder du erstellst das Produkt selbst, indem du deine eigenen Fähigkeiten und Erfahrungen einsetzt.

Bei Dienstleistungsunternehmen – IT-Shops, Designhäuser usw. – ist es notwendig, den Job zu kündigen und ganztägig in dein eigenes Unternehmen zu investieren.

Was ist Bootstrapping?

Bootstrapping ist eine Form der Finanzierung für die eigene Unternehmensgründung. Hierbei wird vollends auf externe Finanzierung verzichtet – alles ist eigenfinanziert.

Bootstrapping basiert auf dem Konzept, sich an den eigenen Bootstraps (“Stiefelriemen”) hochzuziehen. Klingt eigenartig, lehnt aber an die Baron-Münchhausen-Geschichte an, in der dieser Mann sich selbst an den Haaren aus einem Sumpf zieht.

Im Falle eines Unternehmers ist Bootstrapping gleichbedeutend mit Schweißkapital – deiner eigenen Arbeit und deinem Geld, das du ohne fremde Hilfe in dein Unternehmen steckst.

Wie das alte Sprichwort sagt: “If you need a helping hand, you’ll find it at the end of your arm” oder auf Deutsch: “Wenn du eine helfende Hand brauchst, findest du sie am Ende deines Arms.”

Vorteile und Nachteile von Bootstrapping

Durch die geldliche und zeitliche Beschränkung während des Bootstrapping lernen Gründer von vornherein sparsam und effektiv zu wirtschaften.

Sollte irgendwann ein Fremdkapital nicht benötigt werden, sind Investoren von dem bereits (teilweise) ausgebauten Startup beeindruckt und meist eher dazu bereit, in einen solch robusten und smarten Unternehmer zu investieren, der es mit seiner Idee ernst meint und dies bereits beweisen konnte.

Andererseits macht gerade dies das Leben eines Bootstrappers zum Verhängnis: Der angehende Unternehmer muss mit einem engen Zeitplan, einem begrenzten Budget und knappen Ressourcen haushalten.

Deshalb ist es wichtig, so schnell wie möglich in das operative Geschäft zu starten und positiven Cashflow zu generieren! Halte deine Kosten auf ein Minimum und habe die Finanzen deines Startups im Blick.

Bootstrapping: Voraussetzungen

Um mit dem Bootstrapping starten zu können, sind eigene Finanzmittel notwendig. Dazu gehören dein Gründerkapital, Family and Friends-Kapital, Bankkredite, Lieferantendarlehen, Leasing und öffentliche Fördermittel.

Sparsamkeit, Outsourcing und viel Geschick in der Personalpolitik und Produktentwicklung gehören zu den Eigenschaften, die du als Bootstrapping-Gründer mitbringen solltest.

Bootstrapping umsetzen Schritt für Schritt

Bootstrapping kann und soll nicht ewig dauern. Du solltest beispielsweise ein Bootstrap für ein Jahr (oder weniger) planen und einen bestimmten Betrag für das Bootstrapping ausgeben. Wenn du dein Zeit- oder Geldbudget überschreitest und nur wenig für deine Bemühungen vorweisen kannst, solltest du die Idee wahrscheinlich verwerfen.

Mit Schweißkapital bootstrappen

Einige Ideen benötigen nur sehr wenig Geld, um zu booten. Diese Unternehmen benötigen Schweißkapital (deine eigene Arbeit an einem Projekt) das mindestens zu einem “Minimum Viable Product” oder MVP führt.

Ein MVP bzw. wörtlich “minimal überlebensfähiges Produkt”, ist die erste minimal funktionsfähige Version deines Produkts, die entwickelt werden muss, um mit so geringem Aufwand wie möglich den Kunden-, Markt- oder Funktionsbedarf zu decken und handlungsrelevantes Feedback zu gewährleisten.

Stelle dir einen Unternehmer vor, der ein neues App-basiertes Unternehmen aufbauen möchte, in dem Benutzer für den Zugriff auf einen Dienst bezahlen (oder bezahlen werden). Die Erstellung sehr einfacher iOS- und Android-Anwendungen kostet etwa 20.000 Euro bis 25.000 Euro. Das Design und die Implementierung können bis zu sechs Monate dauern. Du kannst auch eine einfachere, webbasierte Version der Anwendung als Bootstrapping-Aufwand erstellen, der häufig weitaus weniger Geld kostet – etwa 5.000 Euro bei 50 Euro pro Stunde.

Du kannst dir auch selbst beibringen, deinen MVP zu codieren und zu erstellen. Auf diese Weise beginnen Tech-Unternehmen häufig und sagen viel über die Notwendigkeit aus, dass Gründer Code schreiben oder zumindest die technischen Aspekte ihres Geschäfts beherrschen.

Realistische Ziele setzen

Schreibe dein Ziel für das erste und zweite Jahr auf, bevor du mit dem Bootstrap beginnst. Angenommen, du möchtest genug verdienen, um im ersten Jahr einen einzelnen Programmierer einzustellen, der dir beim Erstellen einer App hilft. Dann muss dein Unternehmen mindestens 100.000 Euro verdienen. Nimm dann in zwei Jahren an, dass du Vollzeit an der App arbeitest. Erwarte, dass die App je nach aktuellem Gehalt etwa 300.000 Euro verdient. Alles unter diesen Zielen ist ein Grund zum Aufhören bzw. zu einer vollständigen Neuausrichtung, bevor all deine Ressourcen aufgebraucht sein.

Diese Zahlen sind möglicherweise alarmierend, aber auch realistisch. Realismus ist das Gegenmittel für das Gift leidenschaftlichen Unternehmertums – nämlich Selbsttäuschung.

Finanzielle und zeitliche Grenzen festlegen

Du kannst nicht für immer booten. Es gibt zahlreiche Unternehmerinnen und Unternehmer, die ihr Leben dem eigenen Startup widmen, ihr ganzes Geld ausgeben und den Job kündigen. Gar auf Sofas schlafen, endlose Stunden mit Networking zubringen und ihre Idee überall verbreiten.

Meist enden solche Vorhaben Jahre später als totes Projekt, das bei all den anderen gescheiterten Ideen irgendwo in der Vergessenheit landet.

Natürlich kann derartiges Engagement erfolgversprechend sein und zu tollen Ergebnissen führen. Das Überleben des Startups wird dadurch allerdings nicht gesichert: Der Cashflow fehlt. 

Der Cashflow ist der in einem bestimmten Zeitraum erwirtschaftete Zahlungsmittelüberschuss eines Unternehmens. Dieser stellt Einnahmen und Ausgaben gegenüber und dient der Beurteilung der finanziellen Struktur des Unternehmens.

Ein uns bekannter Unternehmer konzentrierte sich auf Nanoröhren. Er eilte jahrelang hierhin und dorthin, verschwendete sein wertvolles Geld für Flüge und traf sich mit Leuten, die ihm Dienstleistungen verkaufen wollten. Zahlreiche Investoren rieten ihm dazu, intern in einem Nanoröhrengeschäft zu arbeiten und sich dann zu verzweigen, wenn er bereit sei. Stattdessen griff er jahrelang alle Winkel an und verlor sich schließlich in der Erschöpfung. Er ist jedoch immer noch dabei und das zeugt davon, dass er aus seinen Fehlern lernte.

Bevor du dieselbe Misere durchlebst: Lass es gleich bleiben und konzentriere dich auf das Wesentliche!

Wenn du merkst, dass dein Startup selbst nach zwei Jahren eine rückläufige Dynamik verzeichnet, solltest du deine eigenen Ressourcen kürzen – denn irgendetwas läuft falsch, wenn du kein Geld einbringst. Neuausrichtung und eine klare Struktur vor Augen sollte dich weiterbringen.

Boote nicht zu lange, wenn du nicht ausreichenden Cashflow generierst. 

Bootstrapping ist kein Selbstmordpakt. Durch Festlegen eines Zeitlimits und eines Budgets für deine Bootstrapping-Bemühungen kannst du Burnout, Hunger und Ausfall verhindern. Du wirst scheitern, wenn du keine Grenzen setzt.

Bootstrapping-Grundsätze nach Bhide

Die Bootstrapping Grundsätze nach Bhide sind der Leitfaden für dich, wenn es mit dir Umsetzung losgeht.

Erster Grundsatz: Beginne so schnell wie möglich mit dem operativen Geschäft. Bringe also die laufenden geschäftlichen Aktivitäten deines Unternehmens ins Rollen.

Operative Geschäfte sind diejenigen Tätigkeitsfelder eines Unternehmens, die seinem eigentlichen Zweck entsprechen und mit denen es Gewinne erzielen möchte.

Beispiel: Ein Restaurant, das die Umsätze aus dem Verkauf von Speisen erzielt und nicht aus Aktienspekulationen oder Grundstücksverkäufen, da sie nicht aus dem eigentlichen Tätigkeitsfeld stammen.

Zweiter Grundsatz: Konzentriere dich auf ein frühzeitiges Erreichen der Gewinnschwelle und positiven Cashflow.

Dritter Grundsatz: Verkaufe höherwertige Produkte und Services als deine Konkurrenz. Qualität geht (vorerst) vor Quantität!

Vierter Grundsatz: Arbeite nicht mit hochbezahlten Teammitgliedern, die kein Verständnis für die Gründerkultur deines jungen Unternehmens haben.

Fünfter Grundsatz: Gehe entsprechend der begrenzten Ressourcen kontrolliert vor. Überdenke jeden Schachzug doppelt und habe alle Aspekte immer Hinterkopf, bevor du einen Schritt gehst.

Sechster Grundsatz: Fokussiere dich während der Gründungs- und Frühentwicklungsphase mehr auf Cash als auf laufend verfügbare Liquidität.

Unter Liquidität versteht man die Fähigkeit, Zahlungsverpflichtungen nachkommen zu können. Ein Unternehmen ist dann liquid, wenn es in der Lage ist, die fälligen Verpflichtungen, wie Gehälter der Angestellten, Mieten und offene Rechnungen, zu begleichen.

Siebter Grundsatz: Banken pflegen – auch wenn sie noch nicht als Kreditgeber zur Verfügung stehen.

Erfolgreiche Bootstrapping-Unternehmen

In der Dokumentation 42 Grams leitete der Gastronom Jake Bickelhaupt jahrelang einen kleinen Dinnerclub aus seinem Wohnzimmer, bevor er selbst ein bekanntes und vielgelobtes Restaurant eröffnete. Er fing klein an – er widmete jeden Zentimeter seiner Wohnung dem Dinnerclub – und wuchs von dort aus. Klein anfangen und groß werden ist das Credo des Bootstrappers.

Bickelhaupt schloss später sein Restaurant. Manchmal kann dich selbst Leidenschaft nicht vor dem Schicksal schützen.

Allerdings gibt es durchaus zahlreiche Unternehmen, die auf die Eigenfinanzierung setzen und seither Erfolg verzeichnen. Es ist nicht unrealistisch, als Bootstrapper durchzustarten – diese Startups sind der lebende Beweis.

Die Freeletics-Gründer haben sich einem Motto verschrieben: Fit ohne Fitnessstudio. Die 2013 konzipierte App mit Trainingsprogramm ist mittlerweile jedem in der Fitness-Szene ein Begriff und wird in zahlreichen Städten von örtlichen Freeletics-Gruppen genutzt, die gemeinsam trainieren.

Zwei Studienfreunde gründeten KW-Commerce, das Elektronikzubehör verkauft. Seit 2012 arbeitet es ohne Fremdkapital – die Geschäfte werden aus den laufenden Einnahmen finanziert.

Die Software Celonis bietet Datenverarbeitung und Prozessanalyse für Großunternehmen an. Kunden sind u.a. Siemens, Rewe, Bayer und Edeka. Damit verdoppelt das Unternehmen nach eigenen Angaben seinen Umsatz von Jahr zu Jahr. Nach ganzen fünf Jahren Bootstrapping folgte 2016 eine große Finanzierung über 27,5 Mio. US-Dollar.

ElektroCouture ist ein Startup für Fashion-Wearables. Die Gründerin Lisa Lang arbeitet für ihre Kleidung viel mit LED-Lampen, die beispielsweise auf Umgebungsgeräusche reagieren. Die Preise sprechen für sich: So kostet eine Yogahose für Männer knapp 1300 Pfund (ungefähr 1500 Euro).

Das Portal Traum-Ferienwohnungen.de vermietet Urlaubsapartments. 2001 wurde es gegründet und legte knapp 15 Jahre später einen Exit hin: 50,01 Prozent wurde an die Leisure Group vom Axel-Springer-Verlag verkauft. 15 Jahre Bootstrapping – ein Rekordwert.

Die Umzugshilfe Movingstar wurde 2014 ohne fremde Hilfe gegründet und kommt seither ohne fremde Hilfe aus.

Der professionelle Schnäppchenjäger Till Schiffer alias Prinz Sportlich sucht Angebote zusammen und gibt sie an seine Follower weiter. 2015 soll das Unternehmen sechsstellige Umsätze verzeichnet haben und so ein Jahr nach seiner Gründung profitabel geworden sein.

Die Nachhilfe-Plattform für Juristen namens Jura Online will der jährlichen Durchfallquote von etwa 40 Prozent im Staatsexamen entgegenwirken. Das Berliner Startup bietet Onlinekurse an, die ihre Lerninhalte an den Studenten anpasst und ihn so durch die Prüfung bringen soll. Nach drei Jahren Bootstrapping gab es im Mai 2016 das erste externe Investment.

Das Cape Mädchen Josephine Gaede verkaufte bereits 2009 ihre ersten Capes – finanziert durch 2.000 Euro von ihrem Vater. Mittlerweile hat sie eigene MitarbeiterInnen und macht Umsätze von mehr als 400.000 Euro jährlich.

Jaumo ist eine Dating-App, die seit 2011 von den Gründern zu Hause geleitet wird. Fast alle Aufgaben werden von ihnen durchgeführt. Seit einer Anschubfinanzierung ist das Startup profitabel – Einnahmen werden durch Premium-Abos in der App generiert.

PaulCamper ist eine Art Airbnb für Camper. Auf der Homepage können Campingbusse und Wohnmobile von Privatpersonen in der Umgebung gemietet werden. 2013 wurde es von Dirk Fehse in Berlin gegründet. Drei Jahre lang hat er gebootstrappt, 2016 bekam er ein erstes Millionen-Investment.

Du siehst also: Wenn deine Idee gut ist und in dir das Feuer für die Umsetzung brennt, ist alles möglich. Sollte dein erster Bootstrap scheitern, kannst du in der Seedphase immer noch einen Business Angel für dich gewinnen: Wirf einen Blick auf unsere Artikel “Wie finde ich einen Business Angel für mein Startup?” und “Wie überzeuge ich einen Business Angel von meinem Startup?” um erfolgreich einen Kapitalgeber und Experten von deinem Produkt oder deinem Service einzunehmen.

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