Erste Ergebnisse unter Berliner Expats und was das für Berlin und seine Unternehmen bedeutet

Arbeitsmarktexperten:innen schätzen, dass kurzfristig ca. 400.000 Fachkräfte in Deutschland fehlen. Und die Nachfrage nach Fachkräften in der Berliner Digitalwirtschaft zieht spürbar an. Gleichzeitig sank die Zahl im letzten Jahr der neu nach Berlin ziehenden Fachkräfte aus dem Ausland dramatisch. Diese beiden gegenläufigen Trends scheinen auch darauf hinzudeuten, dass der „war for talents“ wieder voll entbrennen wird.

Am deutschen Arbeitsmarkt vollzieht sich aktuell eine Zeitenwende. Dies betrifft nicht nur die Digitalwirtschaft. Laut dem KfW-ifo-Fachkräftebarometer von Juni 2021 sieht ein Viertel aller Unternehmen seine Geschäftstätigkeit durch Fachkräftemangel behindert, mehr als doppelt so viele wie vor einem Jahr. Die Demografie mit den Baby-Boomer-Jahrgängen und die Auswirkungen der Covid-19 Pandemie tragen dazu bei, dass dieser Trend sich weiter verschärft. Gleichzeitig sinkt die Zahl der aus dem Ausland zuziehenden Fachkräfte. So sank die Zahl der Zustimmungen für Arbeitserlaubnisse für Drittstaatsangehörige von 2019 von 15.541 auf 12.719 im Jahr 2020.

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Andere Industrienationen kämpfen mit den gleichen Problemen: In China wurde beispielsweise die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland deshalb zur Staatsaufgabe mit höchster Priorität ausgerufen.

Aufseiten der Arbeitgeber:innen wird mit immer ausgefeilter konzipierten Methoden versucht, Mitarbeiter:innen zu gewinnen. Headhunter:innen haben Hochkultur. Künstliche Intelligenz zieht in die Personalabteilungen ein. 

Gibt es neben diesen vielen Strategien und Methoden noch etwas anderes, was Unternehmen in dieser Hinsicht tun können? Was hier viele Unternehmen oft übersehen, ist der Zusammenhang von Wohnort und Arbeitsort. In alten Zeiten sind Arbeitgeber:innen oft davon ausgegangen, dass neue Mitarbeiter:innen wie selbstverständlich an den Arbeitsort ziehen. Spätestens mit der Möglichkeit und dem Wunsch vieler Arbeitnehmer:innen auf remote working Modelle zurückgreifen zu können, ist diese Einstellung überholt.

Es gibt aber sehr wohl viele Mitarbeiter:innen, die durchaus bereit sind aus dem Ausland nach Deutschland zu ziehen, um hier ihre Karriere fortzusetzen. Es macht dabei natürlich einen Unterschied, ob der neue Arbeitsort Künzelsau, Herzogenaurach oder Berlin heißt.

Berlin hat in den letzten Jahren vor der Corona-Krise im Schnitt etwa 50.000 Menschen aus dem Ausland neu und zusätzlich angezogen. Das wurde von vielen, der Stadt selbst und den Unternehmen, als quasi gegeben freudig zur Kenntnis genommen. Das könnte sich jetzt, wo selbst Nationen wie China anfangen massiv um Fachkräfte international zu buhlen, rächen. Wissenschaftlich gibt es erste Ansätze, die sich mit dem Thema place branding und talent attraction in Kombination auseinandersetzen. Der Fachbereich nennt sich Talent Attraction management for cities and regions.

In Europa haben sich einige Wirtschaftsförderungen zusammengeschlossen, um sich zu dem Thema auszutauschen und bei der Anwerbung von Fachkräften außerhalb Europas zu kooperieren. In diesen Regionen wurden wiederholt großflächige Talent Surveys durchgeführt, um zu verstehen, welche Fachkräfte eigentlich in die Region zuziehen, warum sie zuziehen, was sie motiviert oder vielleicht auch abhält (zum Beispiel Dänemark). Es gibt auf Ebene der OECD auch den Global Talent Competitiveness Index, der versucht dies auf Basis von volkswirtschaftlichen Daten zu messen.

Und hier liegt die Krux, es gibt eigentlich eine Unmenge an Daten zum Umfeld von internationaler Migration. Es gibt aber kaum Erkenntnisse darüber, wie Städte und ihre Unternehmen Hand in Hand vorangehen können, um gemeinsam internationale Fachkräfte anzuwerben. In Berlin haben wir bei Berlin Partner nun eine großangelegte Umfrage unter Expats gestartet, um Licht in diesen Big-Data-Wald zu bringen.

Die Ergebnisse sind erstaunlich. Vor fünf Jahren, als Berlin Partner begonnen hatte, eine Strategie für Talent Attraction Management in Berlin zu erarbeiten, hieß es noch, Berlin ist die Stadt des Einstiegs. Nur junge Menschen und Hochschulabsolvent:innen kommen in die Stadt, um hier ihren Einstieg in das Berufsleben zu finden. Wobei die Karriere gar nicht im Vordergrund stand, sondern die coole Stadt Berlin. Wer Karriere machen wollte, ging nach München oder Stuttgart. Das scheint sich komplett geändert zu haben.

Des Weiteren kam in einer ersten Zwischenauswertung heraus: Das typische Talent, das aktuell nach Berlin zieht, ist weiblich, 34 Jahre alt und Single. Der/die typische Berliner Expat hat einen Masterabschluss von einer Hochschule, überwiegend im Bereich BWL (Business Administration) oder IT- bzw. Kommunikationswissenschaften. Besonders interessant ist, dass der/die typische Berliner Expat zuvor in einem anderen Land als seinem Heimatland und Deutschland gelebt hat. Für die Stadtplaner interessant ist die Aussage, dass die beiden Hauptgründe, warum Expats nach Berlin gezogen sind, die kulturelle Vielfalt (cultural diversity 11,7%) und das Gesundheitssystem (healthcare system, 11,6%) sind.

Der entscheidende Grund, die berufliche Karriere in Berlin fortzusetzen, ist die Aussicht, eine gute Work-Life-Balance in Berlin vorzufinden (18%). 88 Prozent der Befragten gaben an, dass sie nicht aus ihrem Heimatland nach Berlin gezogen sind. Das ist eine ganz und gar spannende Aussage. Es kann also davon ausgegangen werden, dass Berlin keineswegs nur mehr die Stadt des Einstiegs ist. Dazu passt auch die Aussage der Befragten, dass knapp 25 Prozent bereits über eine Arbeitserlaubnis in Form einer Blauen Karte haben oder gerade dabei sein (weitere 25 Prozent), eine Blaue Karte zu erhalten. Hier dürfte sich klar der Trend bestätigen, dass es eine Klasse an sehr gut ausgebildeten digitalen Nomaden gibt, die ihre Zelte in Berlin aufschlagen. Bei den Herkunftsländern liegen wenig überraschend die USA vorne. Spannend ist, dass gerade IT-Spezialist:innen aus Israel und Brasilien ebenso zahlenmäßig stark in Berlin vertreten sind.

Die These, dass Berlin inzwischen für gut ausgebildete Digitale Nomaden attraktiv ist, wird auch durch die folgenden Umfrageergebnisse untermauert. Demnach haben fast die Hälfte aller befragten Expats mehr als fünf Jahre Berufserfahrung bevor sie nach Berlin kommen. 54 Prozent haben sich ihren Job in Berlin selbst gesucht. Knapp 40 Prozent fanden ihren Job in Berlin innerhalb eines Monats, rund 30 Prozent benötigten dafür drei Monate. Knapp 25 Prozent der Expats verdienen 70.000 Euro pro Jahr und mehr, 90 Prozent arbeiten im privaten Sektor. Der ganz überwiegende Teil arbeitet als Professional/Manager, aber ohne Personalverantwortung. Die Verteilung auf große und kleine Unternehmen hält sich dabei die Waage, typischerweise aber in der Digitalwirtschaft (information and communication). Die Antworten auf die beiden Kernfragen sind eindeutig: Warum wolltest Du nach Berlin? Wegen der Stadt. Was hat Dich auf Berlin neugierig gemacht? Persönliche Beziehungen über Freunde, Familie oder Arbeitskolleg:innen. Dieses Umfrageergebnis passt wiederum zu einer Auswertung aus dem Talent-Portal, das Berlin Partner betreibt. Fast 80 Prozent aller Erstanfragen im Portal gehen auf das Suchwortpaar „jobs&berlin“ in den Suchmaschinen zurück.

Was bedeutet dies nun für Talent Attraction durch städtische Akteure und Unternehmen?

Hand in Hand gehen

Einer der prägendsten Begriffe für Berlin ist Vielfalt. Vielfalt ist zunächst etwas Positives, es gibt eben einen riesigen Blumenstrauß an Jobs in der Stadt. Vielfalt ist aber nicht immer einfach zu vermarkten. London wird gerne als Bankenmetropole, Paris als Modemetropole oder Wolfsburg als Autostadt wahrgenommen. Das zieht natürlich Talente mit entsprechenden Qualifikationen an, die jeweils an diesen Hotspots ihre Karriere vorantreiben wollen. In Berlin stechen natürlich einige Marken aus dem Arbeitsmarkt heraus, die Charité, Zalando oder die Deutsche Bahn sind weltweit ein Begriff. Dass Tesla seine Fahrzeuge für den europäischen Markt in der Gigafactory in der Hauptstadtregion produziert, hat sich auch herumgesprochen. Aber dass BMW seine Motorräder in Berlin fertigt oder Nivea seine großen Dosen in Berlin abfüllt, weiß in Berlin und darüber hinaus schon kaum einer. Und kleine Startups, wenn sie noch kein Unicorn wie die Berlin Brands Group geworden sind, kennt kaum ein Talent, geschweige finden Talente diese Jobangebote.

Berlin Partner hat ein Talent-Portal aufgebaut, das ein großes Jobportal beinhaltet, Schnittstellen gibt es zu Seiten wie Startup Berlin. Das Portal bietet vielfache Möglichkeiten für Arbeitgeber:innen, sich dort zu repräsentieren, sei es in der Rubrik Neu in Berlin, in den Social Media Channels wie Jobs der Woche auf LinkedIn oder Ankommensgeschichten von zuziehenden Talenten. Das Portal bietet die einmalige Möglichkeit, die Marke Berlins mit der eigenen Unternehmensmarke zu verknüpfen. Die Verknüpfung beider Marken führt zu einer deutlich größeren Reichweite.

Digitale Talente willkommen heißen und binden

Die Umfrage zeigt auch, dass digitale Nomaden gerne von Stadt zu Stadt und Job zu Job ziehen. Sie deswegen unbeachtet lassen, wäre aber ein großer Fehler. Immer mehr Regionen haben eigene Programme und Visa aufgelegt, um die Digital Nomads anzulocken. In Verbindung mit dem Thema remote working kann es sein, dass digitale Nomaden zwar in Berlin leben, ihre Auftraggeber aber außerhalb Deutschlands sitzen und unter Umständen auch dort Steuern zahlen. Deswegen sind diese Talente aber nicht weniger spannend für eine Stadt. Zum einen zahlen sie natürlich ihren Lebensunterhalt in der Stadt, aber viel wichtiger ist deren berufliches Netzwerk. Diese Netzwerke ziehen weitere Talente an, die dann vielleicht für ein Berliner Unternehmen arbeiten. Die Karriereausblicke gehen heute noch zwei, höchstens drei Jahre. Dann steht die nächste spannende Herausforderung an. Und es ist sicher besser, die Talente in der Stadt, in der Region oder auch nur in Europa zu wissen, bevor sie nach China oder in der USA abwandern. Auch dies ist eine gemeinsame Anstrengung von Unternehmen und Stadt. Berlin Partner initiiert hier regelmäßig Recruiting-Formate wie die FinTech-Kampagne, um gemeinsam mit den Unternehmen Talente anzuwerben. Getreu dem Motto #berlinjobs und #chooseurope.

Weitere Potenziale erschließen

Wir haben aber nicht nur supergut ausgebildete High Potenzials in der Stadt. Innereuropäisch gibt es eine große Zahl zuziehender, die in der Tourismusbranche oder Gastronomie arbeiten. Im Pflegebereich kommen Fachkräfte aus Standorten wie den Philippinen oder Mexiko, im Elektrobereich und im Handwerk viele Fachkräfte aus Osteuropa, dazu viele Flüchtlinge. Viele dieser Zuwandernden verfügen nicht über die formalen Qualifikationen, wie sie in Deutschland noch häufig nötig sind, um einen Ausbildungsplatz oder einen Arbeitsplatz zu erhalten.  Hier sind neue Bildungsangebote nötig, um die Potenziale dieser Zielgruppe zu erschließen. Berliner Partner initiiert in diesem Zusammenhang einen runden Tisch von Coding-School-Anbieter:innen, die teilweise völlig neue Wege gehen, um (internationale) Talente an den Berliner Arbeitsmarkt heranzuführen. Verbände wie der VBKI bieten Job-Mentorenprogramme an, um hier zu unterstützen. Hier gibt es noch viel Potenzial quasi vor der eigenen Tür, wo es doch immer schwieriger wird, international Talente zu rekrutieren.

Die Dachmarke Berlin verfügt aber über eine derart magnetische Anziehung, dass noch weiter Talente in die Stadt strömen dürften. Aber die Konkurrenz wächst. In der Umfrage gab es auch Hinweise, was nicht so gut läuft in der Stadt. Neben dem Megathema Wohnraum, waren es die Themen englischsprachige Bürgerservices und digitaler Services wie Bürgeramt und Anträge für Aufenthaltstitel. Auch bei diesem Punkt wächst die Konkurrenz. Helsinki hat gerade erst erklärt, dass Englisch dort offizielle Behördensprache ist. Und in Estland funktioniert ohnehin fast alles digital, auch die Visaverfahren. Berlin kooperiert hier mit Startups und anderen privaten Anbieter:innen, um wenigstens eine indirekten digitalen BIS, den eBIS, anbieten zu können. Das Wettrennen um die besten Talente ist in vollem Gange…

Die Talent-Umfrage läuft noch (https://www.surveymonkey.de/r/talentberlin) und kann noch bis Ende November geteilt werden.

Zum Autor

Burkhard Volbracht, leitet bei Berlin Partner den Bereich Talent I International. Als gelernter Redakteur und studierter Politologe beschäftigt er sich dabei schon seit 1998 mit dem Berliner Arbeitsmarkt. Im Fokus seiner Arbeit stehen dabei insbesondere Themen der internationalen Fachkräfte-Immigration und Willkommen-Services. Mit Experten/innen aus anderen europäischen Metropolen entwickelte er dabei u.a. das European Talent Mobility Forum, das Themen wie Talent Attraction Management for cities and regions und business immigration / international houses vorantreibt.

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